Wie Gustavo durch das Inklusionsmobil sein Lächeln und seine Schnelligkeit zurückfand
Inklusion ist weit mehr als ein Wort auf einem Plakat – es ist der Moment, in dem aus einem „Ich kann nicht“ ein „Ich mache es einfach“ wird. Die Geschichte von Gustavo ist das beste Beispiel dafür, wie aus einer zufälligen Begegnung am Inklusionsmobil ein neues Leben entstehen kann.
Gustavos Weg war alles andere als leicht. Vor zehn Jahren veränderte ein schwerer Verkehrsunfall in seiner Heimat Brasilien alles. Da er erst sechs Stunden nach dem Unfall gefunden wurde, konnten die Ärzte sein Bein nicht mehr retten. Es folgten ein Koma, Monate der Rehabilitation und schließlich der Umzug nach Deutschland vor fünf Jahren. Trotz der Sprachbarrieren und der Herausforderungen in einem neuen Land verlor Gustavo nie seinen Mut – doch seine körperliche Freiheit war eingeschränkt. Zehn Jahre lang trug er eine veraltete Standardprothese, die kaum mehr als das Nötigste zuließ. Ans Rennen war nicht zu denken.
Alles änderte sich beim „Come Together Cup“. Dort traf Gustavo auf das Team des Inklusionsmobils und den Para Leichtathletik-Weltmeister Niko Kappel. Es war eine Begegnung auf Augenhöhe, die sofort etwas auslöste. Niko erkannte das Potenzial und den Lebenswillen in Gustavo und gab ihm den entscheidenden Rat: „Geh zu Bayer Leverkusen, such dir Experten, die wissen, was möglich ist.“
Dieser Rat war der Funke. Über das Netzwerk des Inklusionsmobils fand Gustavo Kontakt zu einem spezialisierten Orthopädietechniker. Gemeinsam wagten sie den Schritt zu den „Talent Days“ beim TSV Bayer 04 Leverkusen. Es waren drei Tage, die alles veränderten. Plötzlich stand er wieder auf der Laufbahn. Und dann passierte das Unfassbare: Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt rannte er wieder.
Bewegend beschrieb Gustavo später diesen Moment, in dem die Welt um ihn herum für einen Augenblick stillstand, während er selbst an Fahrt aufnahm. Es war das Gefühl von Freiheit, das er längst verloren geglaubt hatte.
„Ich bin seit etwa zehn Jahren nicht mehr gerannt und es war schon krass, mal wieder das Gefühl von wehenden Haaren im Wind zu spüren, auch dank der Unterstützung und Begegnung mit dem Inklusionsmobil.“
Gustavos Geschichte zeigt eindrucksvoll, was die gemeinsame Kampagne des DBS, REWE und der Aktion Mensch bewirken kann. Es geht nicht nur um Sportarten, die man ausprobiert – es geht um das Schaffen von Perspektiven, das Knüpfen von Netzwerken und das Schenken von Hoffnung. Heute steht Gustavo wieder auf der Bahn, er läuft.
Nachhaltigkeit im Fokus: Wie der SC Vilkerath den Blindensport für sich entdeckte
Inklusion ist kein einmaliges Event, sondern ein Prozess, der dort beginnt, wo Berührungsängste abgebaut werden. Ein herausragendes Beispiel für diese nachhaltige Entwicklung ist der Besuch des Inklusionsmobils beim SC Vilkerath in Overath. Was als Aktionstag begann, hat die Vereinsstruktur dauerhaft bereichert und neue sportliche Horizonte eröffnet.
Der Tag in der Turnhalle Vilkerath war geprägt von Neugier und Bewegung. Das Programm war intensiv: Von einem Rollstuhl-Parcours inklusive „Führerschein“ über Rollstuhl-Tischtennis bis hin zu Stationen mit Sportprothesen konnten die Teilnehmer die Vielfalt des Para Sports hautnah erleben. Besonders prägend war jedoch der Orientierungslauf. Mit Simulationsbrillen und Klingelbällen ausgestattet, mussten sich die Sportlerinnen und Sportler in einem Slalom-Parcours beim „Fußballbowling“ völlig auf ihr Gehör und ihr Vertrauen in die Partner verlassen.
Diese Erfahrung hinterließ bleibenden Eindruck – nicht nur bei den Teilnehmenden, sondern vor allem bei den Verantwortlichen des Vereins. Statt die Eindrücke nach der Abfahrt des Mobils verblassen zu lassen, entschied sich der SC Vilkerath, Nägel mit Köpfen zu machen. Mit der Unterstützung des örtlichen Lions Clubs wurde eine Förderung für professionelles Material realisiert. Heute verfügt der Verein über 20 eigene Blindenbrillen und Klingelbälle, die nun regelmäßig im Training zum Einsatz kommen.
Die Bilanz des Besuchs ist beeindruckend: Neben dem neuen, fest verankerten Blindensport-Angebot konnte der Verein direkt drei neue Mitglieder gewinnen, die durch das Inklusionsmobil den Weg in den organisierten Sport gefunden haben.
„Der Besuch des Inklusionsmobils hat uns als Verein neue Perspektiven eröffnet und uns ermutigt, unser Angebot zu erweitern“, resümiert Übungsleiter Dietmar Hauptmann stolz. „Wir bieten seitdem regelmäßig Blindensport an. Das Mobil war der Funke, der bei uns etwas Dauerhaftes entfacht hat.“
Die Geschichte des SC Vilkerath zeigt eindrucksvoll: Wenn Begeisterung auf die richtigen Rahmenbedingungen trifft, wird Inklusion im Breitensport zur gelebten Realität.
Inklusion auf Augenhöhe: Wie Vize-Europameister Sebastian Vollmer und das Inklusionsmobil die Pestalozzischule bewegt
Echte Inklusion findet dort statt, wo aus einem Moment der Begeisterung eine langfristige Veränderung wächst. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür lieferte der Besuch des Inklusionsmobils an der Pestalozzischule in Stendal. Hier traf geballte sportliche Kompetenz auf neugierige Schülerinnen und Schüler – mit einem Ergebnis, das weit über den Aktionstag hinausreicht.
Das Highlight des Besuchs war zweifellos die Anwesenheit von Sebastian Vollmer. Der Projektingenieur aus Magdeburg ist nicht nur ein Vorbild an Disziplin, sondern als Sitzvolleyball-Nationalspieler auch international hochdekoriert. Mit zwei Vize-Europameistertiteln (2023 und 2025) im Gepäck brachte er den Schülern eine Sportart näher, bei der die Perspektive gewechselt wird: Im Sitzvolleyball verschwinden körperliche Unterschiede, sobald alle auf dem Hallenboden Platz nehmen. Auf Augenhöhe lernten die Jugendlichen, dass Koordination, Schnelligkeit und Teamgeist wichtiger sind als die Fähigkeit zu rennen.
Doch was diesen Besuch so besonders macht, ist die nachhaltige Energie, die er freigesetzt hat. In Stendal blieb es nicht bei einem einmaligen Erlebnis. Angestiftet durch die positive Resonanz der Schüler und die motivierende Art von Sebastian Vollmer, hat das Kollegium Nägel mit Köpfen gemacht. Birgit Grosser-Schumann, die engagierte Schulsozialarbeiterin der Pestalozzischule, beschreibt den Tatendrang vor Ort:
„Der Funke ist sofort übergesprungen: Wir integrieren Sitzvolleyball jetzt fest in unseren Sportunterricht. Gemeinsam mit unseren Lehrkräften und in enger Abstimmung mit dem Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband bringen wir das Projekt direkt auf das Spielfeld. Wir warten nicht ab, wir machen Inklusion dauerhaft auf unserem Stundenplan erlebbar!“
Heute ist aus dieser Vision längst gelebte Praxis geworden. Die Kooperation mit dem Landesverband trägt Früchte und Sebastian Vollmer kehrt nun regelmäßig an die Schule zurück, um die 9. Klassen als Experte und Trainer zu begleiten. Die Pestalozzischule zeigt damit eindrucksvoll, wie durch das Inklusionsmobil nachhaltige Brücken zwischen dem organisierten Par Sport und dem Schulalltag geschlagen werden. Aus einem Schnuppertag ist eine dauerhafte Partnerschaft entstanden, die den Schülern täglich zeigt: Sport kennt keine Grenzen.
