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Para Schwimmen: „Das Jahr ist irgendwie ganz verrückt“
Nach der erfolgreichen Para Schwimm-WM in Singapur im vergangenen Jahr, als das deutsche Team insgesamt zehn Medaillen gewinnen konnte, sollen die Europameisterschaften das Saisonhighlight 2026 werden. Das Problem: Es gibt nach wie vor keinen bestätigten Austragungsort.
Ursprünglich war geplant, dass die EM im Sommer in den Niederlanden – in Eindhoven – stattfindet. Der Königliche Niederländische Schwimmverband (KNZB) sowie die niederländischen Außen- und Sportministerien beschlossen Ende Februar allerdings, die Europameisterschaften nicht zu organisieren, weil Russland und Belarus vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) erlaubt worden ist, bei der EM unter eigener Flagge zu starten, nationale Embleme zu zeigen und im Erfolgsfall ihre Hymne zu hören.
Eine fragwürdige Entscheidung, während in der Ukraine weiterhin Krieg herrscht. Bereits bei den Paralympischen Winterspielen in Mailand und Cortina vor wenigen Wochen war russischen und belarussischen Athlet*innen der Start unter eigener Flagge erlaubt worden.
Neben (sport-)politischen gibt es natürlich auch konkrete sportliche Folgen, dass die EM nicht im Sommer in den Niederlanden stattfinden wird: „Uns wurde jetzt ein Termin im September genannt. In den ersten zwei Wochen, aber noch nicht genau, wann und wo“, sagt Ute Schinkitz, Bundestrainerin der deutschen Para Schwimmer*innen, die vor allem beim angepeilten Datum der Wettkämpfe eine mentale Herausforderung für ihr Team sieht: „Es ist jetzt zum einen das dritte Jahr in Folge, in dem wir über den Sommer trainieren. Und zum anderen ist das immer die Zeit, in denen die Bäder geschlossen haben, sodass es auch eine Herausforderung ist, wo die eine oder der andere dann trainiert.“
Dennoch: Die deutsche Mannschaft bleibt laut Schinkitz optimistisch. Zudem plant die Bundestrainerin, ein größeres und junges Team mit zur Europameisterschaft zu nehmen: „Wir würden gerne Teilnehmer der European Para Youth Games [EPYG, Anm. d. Red.] aus dem letzten Jahr mit zu EM nehmen – wenn sie die Leistung bringen.“
Und dass die jungen Athlet*innen dies können, haben einige aus dem EPYG-Kader 2025 bereits bei den beiden World Series in diesem März in Lignano Sabbiadoro und Barcelona bewiesen: In der Jugendwertung gab es in Italien für Kimi Brückner (100 Meter Brust, SB13) Silber sowie jeweils Bronze für Johanna Döhler (100 Meter Freistil, S13) und Nisanur Kocabas (100 Meter Rücken, S6). In Barcelona sicherte sich Florian Reiter zwei Medaillen: Gold auf den 100 Metern Brust (SB14) und Bronze über die 200 Meter Lagen (SM14).
Während es für jüngere Schwimmer*innen bei den World Series vor allem darum geht, internationale Wettkampferfahrung zu sammeln, konnten in Tanja Scholz (Gold 50 Meter Brust, SB2 und Silber 150 Meter Lagen, SM4) und Malte Braunschweig (Bronze 50 Meter Freistil, S9) erfahrene deutsche Teammitglieder Motivation für das EM-Jahr schöpfen. Das hätten in Barcelona auch gerne unter andere die Paralympics-Siegerin Elena Semechin, WM-Finalteilnehmerin Naomi Maike Schwarz oder auch Paralympics-Champion Taliso Engel getan, die jedoch wegen Krankheit absagen mussten.
Ein dritter und sehr wichtiger Aspekt der World Series, neben der Möglichkeit, Erfahrungen und Motivation zu schöpfen: die Klassifizierung der Athlet*innen, die nur bei den Weltserien möglich sind. In Lignano Sabbadioro erhielt Deutschland allerdings nur zwei Slots, in Barcelona gar nur einen. Doch bei den Klassifizierungen in Italien kam es zu Komplikationen: Eine konnte nicht abgeschlossen werden, weil World Para Swimming einen Athleten auf den Review-Status gesetzt hat, bei einem zweiten Athleten protestierte das deutsche Schwimm-Team gegen die Festsetzung der Startklasse. Da der Protest angenommen wurde, ist auch hier eine erneute Klassifizierung notwendig – was die Anzahl der zu klassifizierenden Athlet*innen in Team D immer weiter erhöht „Das ist natürlich sehr, sehr schwierig. Jetzt hoffen wir auf viele Slots in Berlin“, sagt Schinkitz mit Blick auf die World Series, die zwischen dem 7. und 9. Mai in der deutschen Hauptstadt stattfinden werden.
„Das Jahr ist irgendwie ganz verrückt“, sagt die Bundestrainerin. Schinkitz blickt 2026, obwohl die Saison bislang nicht ganz einfach verlaufen ist, dennoch positiv entgegen: „Wir brauchen den Wettkampf. Die Erfahrenen wollen sich zeigen, die Jungen wollen angreifen.“ Auf dem Weg zur WM im nächsten Jahr und den Paralympics 2028 in Los Angeles (USA) „ist auch mal eine Europameisterschaft gut.“
Text: Patrick Dirrigl
