Aktuelles vom Para Schwimmen
Para Schwimm-EM: Schott-Festspiele, Gold-Hattrick für Scholz und EM-Titel für Topf
Als bei der Siegerehrung die deutsche Nationalhymne lief, wurden Verena Schotts Augen richtig feucht. Die Emotionen hatten sie fest im Griff nach fünf kräftezehrenden, aber unglaublich erfolgreichen Tagen. Zwei komplette Medaillensätze gewann die 37-Jährige vom BPRSV aus Cottbus, die im vergangenen Jahr zum dritten Mal Mutter geworden ist. Zum persönlichen EM-Abschluss jubelte Schott auf den 100 Metern Brust nach 1:46,13 Minuten in der Startklasse SB5 über ihren zweiten EM-Titel und das siebte Gold für Deutschland.
„Dieses Rennen hat mir nochmal alles abverlangt. Ich habe die beiden Wettkämpfe von gestern noch im Körper gespürt. Aber ich habe gekämpft und versucht, das Rennen nach Hause zu bringen. Ich freue mich mega über Gold. Mit Blick auf die Zeit wäre ich gerne 1:45 Minuten geschwommen, aber man kann nicht alles haben", sagt Schott lachend. Diese Ausbeute ist auch für eine erfahrene Athletin wie sie außergewöhnlich: „Das ist wirklich krass. Meine Karriere ist wirklich schon sehr lang, aber das habe ich noch nie erlebt. Ich liebe meinen Sport, ich liebe es zu schwimmen und mich mit anderen zu messen – das gibt mir Kraft und Motivation. Ich bin unfassbar glücklich und nach einer holprigen Saison richtig stolz auf mich, dass ich mich so zurückgekämpft und das erreicht habe.“
Nisanur Kocabas: "Ich habe es für meine Trainerin extra ganz spannend gemacht"
Mit Schott auf dem Podium: die 13-jährige Debütantin Nisanur Kocabas. Die jüngste deutsche Teilnehmerin gewann sensationell Bronze in 1:59,94 Minuten. Dazwischen landete die Spanierin Aitana Estrada Chavez. „Ich habe es für meine Trainerin extra ganz spannend gemacht. Ich bin die erste Bahn gestorben und auch die zweite Bahn gestorben, aber ich habe auf den letzten Metern alles gegeben. Mit der Zeit bin ich nicht ganz happy, mit der Medaille schon“, berichtet Nisanur Kocabas. Sie steht stellvertretend für ein stark verjüngtes deutsches Team, das nicht nur wichtige Erfahrungen sammelt, sondern im Kräftemessen mit den besten Athlet*innen Europas zu überzeugen weiß. Kocabas Bronzemedaille war am vorletzten Wettkampftag bereits das dritten Debütanten-Edelmetall nach Silber für Florian Reiter und Bronze für Bálint Köszegváry.
Ihre dritte Goldmedaille bei dieser EM gewann Tanja Scholz – was für eine Bilanz. Über 50 Meter Freistil (S4) schwamm sie in 37,21 Sekunden mit deutlichem Vorsprung zum Titel-Hattrick. Es war der perfekte Abschluss einer perfekten Woche: „Das Rennen war unglaublich, ich bin durchs Wasser geflogen und die Bahn war so schnell vorbei wie schon lange nicht mehr. Ich hatte so viel Spaß. Es war einfach genial“, betont die 42-Jährige vom PSV Union Neumünster. Ebenfalls aufs Podium schaffte es im selben Wettbewerb Gina Böttcher, die in 42,49 Sekunden Bronze holte. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Rennen. Ich habe nochmal alles gegeben, mein Ziel war Bestzeit – und das hat geklappt“, sagt die 25-Jährige, für die es nach Gold über 100 Meter Freistil und Bronze über 150 Meter Lagen die dritte Medaille war.
Josia Topf: "In diesem Rennen war einfach alles drin"
Über Gold durfte sich auch Josia Topf freuen. Nach Silber und zweimal Bronze in den Rennen zuvor schwamm der 23-jährige Erlangener über 50 Meter Freistil in der S3 souverän zum EM-Titel (42,62 Sekunden). „In diesem Rennen war einfach alles drin. Es war emotional, es war ruhig, es war auch manchmal vogelwild. Ich bin sehr froh über die Zeit und natürlich auch über den ersten Platz, der hat mir noch gefehlt und den habe ich mir gewünscht. Daher bin ich einfach nur dankbar“, resümiert der Paralympics-Sieger von Paris, der am Samstag zum Abschluss noch über 200 Meter Freistil schwimmt.
Das Podium knapp verpasst hat Taliso Engel als Vierter über 200 Meter Lagen in der SM13. Knapp zwei Sekunden fehlten am Ende zu Bronze. Direkt hinter Engel schlug Philip Hebmüller als Fünfter an. Über 100 Meter Brust hatte das deutsche Duo noch Gold und Bronze gewonnen. Weitere fünfte Plätze ergatterten Janis McDavid (200 Meter Freistil, S2), Mira Jeanne Maack (50 Meter Freistil, S8) und Charlotte Kast (100 Meter Freistil, S7). Zudem wurde Johanna Döhler Siebte (200 Meter Lagen, SM13), Mieke Leiße (50 Meter Freistil, S13) und Alessia Kollmar (100 Meter Freistil, S7) landete auf Platz acht. Letztere verbesserte ihre persönliche Bestzeit um 3,5 Sekunden. „Die EM ist ein sehr schönes Erlebnis für mich, die Stimmung ist super und man hört die Anfeuerungen der Teamkollegen. Mein Rennen war auch sehr schön mit einer sehr schönen Bestzeit“, sagt die 15-jährige Regensburgerin.
Nach dem fünften und vorletzten Wettkampftag hat das 22-köpfige Nationalteam von Bundestrainerin Ute Schinkitz – es ist das größte deutsche Aufgebot seit 15 Jahren bei einem internationalen Großevent – bereits neunmal Gold, siebenmal Silber sowie neunmal Bronze und damit 25 Medaillen gewonnen. Bei der letzten EM vor zwei Jahren waren es noch insgesamt 16 Edelmetalle.
Text: Kevin Müller / DBS
Die deutschen EM-Medaillengewinner*innen:
Gold: Gina Böttcher (100 Meter Freistil, S4), Tanja Scholz (50 Meter Brust, SB2 und 150 Meter Lagen, SM4 und 50 Meter Freistil, S4), Verena Schott (200 Meter Lagen, SM6 und 100 Meter Brust, SB5), Elena Semechin (100 Meter Brust, SB13), Taliso Engel (100 Meter Brust, SB13), Josia Topf (50 Meter Freistil, S3)
Silber: Mira Jeanne Maack (100 Meter Rücken, S8), Verena Schott (100 Meter Rücken, S6 und 400 Meter Freistil, S6), Tanja Scholz (50 Meter Rücken, S4), Elena Semechin (50 Meter Freistil, S12), Florian Reiter (100 Meter Brust, SB14), Josia Topf (150 Meter Lagen, SM3)
Bronze: Gina Böttcher (150 Meter Lagen, SM4 und 50 Meter Freistil, S4), Verena Schott (100 Meter Freistil, S6 und 50 Meter Schmetterling S6), Philip Hebmüller (100 Meter Brust, SB13), Bálint Köszegváry (400 Meter Freistil, S10), Josia Topf (100 Meter Freistil, S3 und 50 Meter Rücken, S3), Nisanur Kocabas (100 Meter Brust, SB5)
Das deutsche Aufgebot für die Para Schwimm-EM in der Türkei:
Gina Böttcher (Alter: 25 / Startklasse: S4/SB3/SM4 / Verein: SV Motor Babelsberg / Geburtsort: Brandenburg a. d. Havel), Johanna Döhler (16 / S13 / Berliner Schwimmteam), Taliso Engel (24 / S13 / SG Bayer / Lauf a. d. Pegnitz), Julian Füllgraf (20 / S14 / VfL Osnabrück / Osnabrück), Linus Harms (21 / S10/SB9/SM10 / SV Motor Babelsberg / Berlin), Philip Hebmüller (19 / S13 / SG Neuss / Neuss), Marlon Jung (16 / SB9 / SSV Leutzsch / Leipzig), Charlotte Kast (18 / S7/SB7/SM7 / Berliner Schwimmteam / Berlin), Nisanur Kocabas (13 / S6/SB5/SM6 / SV Motor Babelsberg / Vechta), Alessia Kollmar (15 / S7/SB6/SM7 / SC Regensburg / Regensburg), Balint Köszegvary (17 / S10/SB9/SM10 / SC Delphin Lübeck), Mieke Sophie Leiße (14 / S13 / PSV Essen / Essen), Mira Jeanne Maack (22 / S8/SB7/SM8 / Berliner Schwimmteam / Berlin), Janis McDavid (35 / S1/SB1/SM1 / Berliner Schwimmteam / Hamburg), Judith Pein (18 / S14 / SG PSV-MFZK Schwerin / Lübeck), Florian Reiter (18 / S14/SB14/SM14 / Berliner Schwimmteam / Berlin), Tanja Scholz (42 / S4/SB2/SM3 / PSV Union Neumünster / Kaltenkirchen), Verena Schott (37 / S6/SB5/SM6 / BPRSV Cottbus / Greifswald), Elena Semechin (32 / S12 / Berliner Schwimmteam / Nowoskatowka (Kasachstan), Tabea Teschauer (19 / S7/SB7/SM7 / Berliner Schwimmteam / Berlin), Josia Topf (23 / S3/SB3/SM3 / SV Motor Babelsberg / Erlangen), Maurice Wetekam (20 / S9/SB9/SM9 / SG Bayer / Dortmund).
