Aktuelles vom Para Schwimmen
Gold-Hattrick: Deutscher Medaillenregen bei Para Schwimm-EM
Sieben auf einen Streich – am zweiten Wettkampftag der Europameisterschaften in der Türkei jubelte das deutsche Nationalteam im Para Schwimmen über Edelmetall en masse: Dreimal Gold für Gina Böttcher, Elena Semechin und Taliso Engel, zweimal Silber für Mira Jeanne Maack und Josia Topf sowie zweimal Bronze für Verena Schott und Philip Hebmüller. Hinzu kamen zwei vierte Plätze.
Den Medaillenregen eröffnete Gina Böttcher: Die Athletin vom SV Motor Babelsberg lieferte sich mit der Russin Mira Larionova ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Gold auf den 100 Meter Freistil (S4). Bei der Wende hatte die 25-jährige Potsdamerin über eine halbe Sekunde Rückstand, zog auf der zweiten Bahn aber nochmals an und brachte schließlich noch 80 Hundertstel zwischen sich und Larionova. Für Böttcher war die Goldmedaille am Dienstag bereits der insgesamt vierte Titel bei Europameisterschaften, vor zwei Jahren auf Madeira hatte sie dreimal Gold gewonnen.
“Ich hatte beim Blick auf die Meldezeiten schon mit einer Medaille geliebäugelt. Mir war aber klar, dass es knapp werden würde”, sagte Böttcher nach ihrem Duell mit Larionova. Bei der WM im vergangenen Jahr war die Deutsche auf den 100 Meter Freistil Vierte geworden – knapp hinter der Russin. „Ich dachte mir, ich habe da etwas gutzumachen“, berichtete Böttcher, die in dieser Saison verletzungsbedingt nicht immer voll trainieren konnte. „Ich freue mich wirklich sehr, dass ich mich durchsetzen konnte und es tatsächlich mit Gold geklappt hat.“
Ebenfalls sehr eng ging es auf den 100 Metern Brust der diesmal kombinierten Startklasse SB12 und SB13 zu: Elena Semechin (SB12), die vor knapp einem Jahr erstmals Mutter geworden war, und die Russin Sofia Mezhinskaia (SB13) schwammen auf den Bahnen drei und vier direkt nebeneinander: Bei der Wende lag die Berlinerin noch einen Wimpernschlag von 32 Hundertsteln hinter Mezhinskaia. Auf den zweiten 50 Metern schwamm die Paralympics-Siegerin von Paris und Tokio allerdings über eine Sekunde schneller als ihre Konkurrentin und konnte so als verdiente Europameisterin nach 1:15,85 Minuten im Ziel anschlagen.
"Ich hatte ein sehr herausforderndes Jahr als frische Mama und musste mich erstmal eingrooven. Die Goldmedaille ist die Belohnung für die Arbeit. Früher hat sich alles um mich gedreht, um mein Training, um meine Erholung. Jetzt dreht sich alles um Klaus und ich muss mich irgendwie anpassen. Das ist schon eine Challenge für mich, die richtige Balance zu finden. Ich wünsche mir, dass es in Zukunft einfacher wird, das alles zu managen und zu organisieren", erklärte Elena Semechin. Sie müsse neu lernen, ihre Rennen einzuteilen. "Ich muss noch an der Taktik arbeiten, weil die Stabilität noch nicht ganz da ist. Beim nächsten Mal weiß ich, was ich besser machen kann."
Taliso Engel: Die beeindruckende Serie mit Arbeit und Disziplin ausgebaut
Bei den Männern hatte es rund fünf Minuten vor Semechins Triumph doppelten Grund zur Freude gegeben, nämlich Gold und Bronze – ebenfalls auf den 100 Metern Brust (SB13): Taliso Engel, der Dominator auf dieser Strecke, sicherte sich in 1:02,07 Minuten Gold vor dem Niederländer Thomas van Wanrooi, mit fast vier Sekunden Vorsprung. Für den 24-Jährigen, der seit seinem WM-Gold 2019 bei allen Welt- und Europameisterschaften sowie Paralympics Gold geholt hatte, ist es der dritte EM-Titel in Folge. "Ich versuche, mich nicht auf den Erfolgen auszuruhen, sondern trotzdem weiter besser zu werden mit harter Arbeit und Disziplin, die ich Tag für Tag ins Training stecke. Ich konnte meinen Titel verteidigen und bin wieder Europameister geworden, auch wenn ich mit der Zeit nicht zufrieden bin", resümierte Taliso Engel, der seine beeindruckende Serie bis zu den Paralympics in Los Angeles ausbauen möchte. "Das ist mein Ziel. Ich will mich als Athlet entwickeln, werde weiter Vollgas geben und will im Training wie im Wettkampf alles abreißen."
Philip Hebmüller schaffte es erstmals bei einem internationalen Höhepunkt aufs Treppchen: Der Düsseldorfer, der bei der Wende noch Sechster gewesen war, startete auf der zweiten Bahn eine bärenstarke Aufholjagd und schob sich in persönlicher Bestzeit von 1:08,74 Minuten noch auf einen starken dritten Platz. Der Schwimmer von der SG Neuss schaffte es 21 bzw. 25 Hundertstel vor den Russen Sergei Pakhomov und Stepan Lisitskii ins Ziel. “Ich freue mich besonders über Philips Medaille”, sagte Bundestrainerin Ute Schinkitz. “Er hat es wirklich verdient, eine Medaille zu gewinnen – und das auch noch mit Bestzeit.”
Silber ging am Dienstag an Mira Jeanne Maack (100 Meter Rücken, S8) sowie Josia Topf (150 Meter Lagen, SM3). Während Maack (1:18,55 Minuten) vom Berliner Schwimmteam weniger als eine Sekunde auf die neue Europameisterin Viktoria Ishchiulova (1:17,62 Minuten) fehlten, schlug Lagen-Paralympics-Sieger Topf trotz persönlicher Bestleistung von 2:53,93 Minuten mehr als fünfeinhalb Sekunden nach Dimitri Granjux (2:48,37 Minuten) im Ziel an. Der Franzose, der bei den Paralympics in Paris noch in der Startklasse SM4 gestartet war, wurde in dieser Saison zurück in die SM3 klassifiziert. Topf zeigte sich zu Recht “mehr als zufrieden” mit seiner Leistung: “Wir haben wieder gut gearbeitet und ich bin nochmal schneller geworden, eine neue Bestzeit geschwommen. Das war, was wir uns vorgenommen haben”, sagte der 23-jährige Erlanger nach seinem Rennen.
Über ihre zweite Medaille am zweiten Tag der EM in der Türkei freute sich Verena Schott: Die 37-Jährige, die 2025 zum dritten Mal Mutter wurde, sicherte sich nach der Silbermedaille vom Montag (100 Meter Rücken) am Dienstag Bronze. Die Potsdamerin schlug auf den 100 Meter Freistil (S6) nach 1:16,65 Minuten im Ziel an.
“Der Tag war sehr, sehr erfolgreich”, sagte Bundestrainerin Schinkitz. Die Leistungen der deutschen Top-Athleten “sind überhaupt nicht selbstverständlich”, freute sich Schinkitz, die nochmal unterstrich, wie wichtig die EM auch für die deutschen Talente mit Hinblick auf die Spiele in Los Angeles 2028 sind. Am Mittwoch stehen direkt die nächsten Wettkämpfe für die deutschen Medaillengewinner*innen Gina Böttcher, Tanja Scholz (beide 150 Meter Lagen, SM4), Elena Semechin (50 Meter Freistil, S12), Verena Schott (200 Meter Lagen, SM6) und Josia Topf (100 Meter Freistil, S3) an.
Text: Patrick Dirrigl / DBS
Die deutschen EM-Medaillengewinner*innen:
Gold: Gina Böttcher (100 Meter Freistil, S4), Tanja Scholz (50 Meter Brust, SB2), Taliso Engel (100 Meter Brust, SB13), Elena Semechin (100 Meter Brust, SB 12)
Silber: Mira Jeanne Maack (100 Meter Rücken, S8), Verena Schott (100 Meter Rücken, S6), Josia Topf (150 Meter Lagen, SM3)
Bronze: Verena Schott (100 Meter Freistil, S6), Philip Hebmüller (100 Meter Brust, SB13)
Das deutsche Aufgebot für die Para Schwimm-EM in der Türkei:
Gina Böttcher (Alter: 25 / Startklasse: S4/SB3/SM4 / Verein: SV Motor Babelsberg / Geburtsort: Brandenburg a. d. Havel), Johanna Döhler (16 / S13 / Berliner Schwimmteam), Taliso Engel (24 / S13 / SG Bayer / Lauf a. d. Pegnitz), Julian Füllgraf (20 / S14 / VfL Osnabrück / Osnabrück), Linus Harms (21 / S10/SB9/SM10 / SV Motor Babelsberg / Berlin), Philip Hebmüller (19 / S13 / SG Neuss / Neuss), Marlon Jung (16 / SB9 / SSV Leutzsch / Leipzig), Charlotte Kast (18 / S7/SB7/SM7 / Berliner Schwimmteam / Berlin), Nisanur Kocabas (13 / S6/SB5/SM6 / SV Motor Babelsberg / Vechta), Alessia Kollmar (15 / S7/SB6/SM7 / SC Regensburg / Regensburg), Balint Köszegvary (17 / S10/SB9/SM10 / SC Delphin Lübeck), Mieke Sophie Leiße (14 / S13 / PSV Essen / Essen), Mira Jeanne Maack (22 / S8/SB7/SM8 / Berliner Schwimmteam / Berlin), Janis McDavid (35 / S1/SB1/SM1 / Berliner Schwimmteam / Hamburg), Judith Pein (18 / S14 / SG PSV-MFZK Schwerin / Lübeck), Tanja Scholz (42 / S4/SB2/SM3 / PSV Union Neumünster / Kaltenkirchen), Verena Schott (37 / S6/SB5/SM6 / BPRSV Cottbus / Greifswald), Elena Semechin (32 / S12 / Berliner Schwimmteam / Nowoskatowka (Kasachstan), Tabea Teschauer (19 / S7/SB7/SM7 / Berliner Schwimmteam / Berlin), Josia Topf (23 / S3/SB3/SM3 / SV Motor Babelsberg / Erlangen), Maurice Wetekam (20 / S9/SB9/SM9 / SG Bayer / Dortmund).
