Aktuelles vom Para Schwimmen
Elena Semechin vor ihrem Comeback: „Ich möchte eine gute Sportlerin und eine gute Mama sein“
Bei der fünften Station der World Series im Para Schwimmen in Berlin (7. bis 9. Mai) und den Internationalen Deutschen Meisterschaften (10. bis 12. Mai) im direkten Anschluss kehrt Elena Semechin (geb. Krawzow) wieder in den Leistungssport zurück. Und sorgt dabei durchaus für Erstaunen: Denn vor acht Monaten erst war die 32-Jährige erstmals Mutter geworden, Söhnchen Klaus ist wie Vater und Trainer Phillip Semechin nun mit in der Schwimmhalle dabei. Vor ihrem Comeback am kommenden Donnerstag sprach die zweimalige Paralympics-Siegerin über…
…die Gründe für ihre unerwartet schnelle Rückkehr:
Im Leistungssport hängt immer viel von der Leistung ab. Auch beim ganzen Drumherum, sei es die mediale Aufmerksamkeit oder für Sponsoren. Man muss da eher unternehmerisch denken und sich präsentieren auf der Bühne. Während der Schwangerschaft ist mir dann aufgefallen – ganz extrem, weil man natürlich einen ganz anderen Blick darauf hat –, welche Herausforderungen es bei uns im System gibt, wenn man noch während seiner Sportkarriere Mama werden möchte. Eigentlich kann man sich eine Babypause gar nicht erlauben, weil das ganze System daran hängt, dass man einfach jede Saison abliefert. Natürlich muss ich jetzt diese Saison wieder Leistung nachweisen, damit ich meinen Kaderplatz auch für die nächste Saison sicher habe. Ich möchte schließlich 2028 nach LA, und dass meine Partner und Sponsoren trotz der langen Pause die ganze Zeit über an meiner Seite bleiben. Man will und darf den Wiedereinstieg daher nicht verpassen.
...über World Series und IDM im Mai in Berlin:
Daheim zu schwimmen, wenn alle aus meinem direkten Umfeld hautnah wie nirgendwo anders dabei sein können, sorgt immer für eine besondere Motivation. Selbst als es mir durch die Chemotherapie in den vergangenen Jahren nicht so gut ging, bin ich hier auf den Startblock geklettert, das sagt eigentlich alles über die Bedeutung der IDM für mich. Für mich persönlich wird das womöglich der emotionale Saisonhöhepunkt. Und zwar völlig unabhängig davon, ob in diesem Jahr noch eine Europameisterschaft kommt oder nicht.
…über ihren Trainingszustand:
Die Geburt mit 20 Stunden Wehen war für mich sehr, sehr herausfordernd, auch die gesamte Schwangerschaft davor. Danach habe ich mich jedoch relativ schnell wieder gut gefühlt. Und daher auch schnell angefangen, Stück für Stück wieder zu trainieren. Und jetzt fühle ich mich so fit, dass wir entschieden haben, nun meinen ersten Wettkampf zu probieren. Es sind dabei natürlich keine Weltklasseergebnisse zu erwarten. Sich jetzt schon Topniveau vorzunehmen, wäre ein bisschen zu voreilig. Letztlich gehe ich das Ganze relativ entspannt an. Ich höre dabei auch ganz genau auf meinen Körper, gemeinsam mit den Ärzten. Es geht mir mehr darum zu zeigen, dass ich wieder da bin. Ich möchte einfach sehen, wie weit bin ich schon mit dem Training bislang. Ob ich auf dem richtigen Weg bin, wie der Körper das überhaupt verträgt, ob sich das gut anfühlt.
…über Veränderungen im Training
Ich habe bis vor Kurzem noch gestillt. Durch die Hormone, durch das Prolaktin, Oxytocin und Relaxin, ist mein Körper noch sehr, sehr weich. Explosive Übungen wie Sprünge, Würfe, Krafttraining funktionieren noch nicht so, wie ich das gerne hätte. Aber da muss man natürlich geduldig bleiben. Und ganz viel im Austausch sein, ganz viel Feedback geben: Was hat gut geklappt? Wo müssen wir noch ein bisschen runterschrauben von der Intensität her? Das ist schon ein großes Ausprobieren im Moment. Wir machen aber alles mit Vorsicht. Es hilft natürlich, dass ich schon so viele Jahre im Leistungssport bin und medizinisch ja auch ein bisschen Erfahrung habe, da ich ja gelernte Physiotherapeutin bin. Und wir hatten ja auch wirklich schon sehr viele herausfordernde Jahre, gerade auch durch den Krebs und die Nachbehandlung durch Chemo. Das war ja auch alles komplett neu für uns. Wir haben dadurch trainingsmethodisch sehr, sehr viel dazugelernt und können davon nun profitieren. Die üblichen Testserien im Training fühlen sich gerade noch ganz anders an. Ich finde das aufregend und spannend. Man fühlt sich wieder so wie am Anfang und muss sich alles neu aufbauen. Dementsprechend nervös, kann man schon sagen, bin ich daher auch vor dem ersten Start.
…über ihr Training während der Schwangerschaft:
Ich habe bis zum sechsten Monat regelmäßig trainiert. Denn ich weiß ja, die Zeit als Profisportlerin ist endlich. Meine letzte Trainingseinheit war dann zwei Tage vor der Entbindung. Das war mit so einer Riesenkugel vorne natürlich eher so ein Baden, ich hatte 13 Kilo mehr als gewöhnlich. Und es war auch noch sehr heiß. Da war ich sehr froh, dass ich dann auch mal ins Wasser konnte.
…über völlig neue Herausforderungen durch ihr Kind:
Bis zur Schwangerschaft hatte sich alles nur um mich gedreht. Was passt zu meinen Abläufen, dass ich gut esse, gut schlafe, mich erhole. Und jetzt muss man sich anpassen, alles fokussieren auf das Baby: wann schläft es, wann muss es gefüttert werden, geht es ihm gut? Manchmal ist gar nicht so einfach, diesen Spagat hinzukriegen. Ich möchte eine gute Sportlerin und eine gute Mama sein, aber auch eine gute Unternehmerin. Und ja, das bringt mich tatsächlich das eine oder andere Mal an meine Grenzen.
Wir sind ja auch erst am Anfang unserer Familienzeit zu dritt, das müssen wir natürlich erstmal alles zur Routine bringen und Erfahrungen sammeln und gucken, wie wir uns da am besten organisieren können. Wir haben seit September eine Assistentin für mich eingestellt. Weil wir gemerkt haben, dass ich in den Bereichen neben dem Sport sonst einfach nicht hinterherkomme. Sich bei Bedarf Unterstützung zu holen, das kenne ich zum Glück gut aus dem Leistungssport. Und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeiten habe. Zudem kommt meine Mutter nun für ein paar Monate aus Kasachstan, um uns zu unterstützen. Phillip hat nämlich auch keine Familie in Berlin, seine Mutter ist zudem noch voll berufstätig. Wir haben zum Glück schon einen Kita-Platz gefunden und werden sicher auch bald die Eingewöhnung machen, damit Klaus ein paar Stunden in der Kita ist. Das ist für mich auch irgendwie ein komischer Schritt, sich so früh diese Gedanken um eine Kita zu machen. Aber es geht nun mal nicht anders.
…über Schwächen im deutschen Sportsystem:
Es funktioniert nicht, das Kind mit zum Training zu nehmen. Zumal Phillip dann ja auch am Beckenrand steht und arbeitet. Wir brauchen daher auch im Trainingslager immer eine Nanny, wir brauchen ein Budget für Aufsichtspersonen. Sonst muss ich alles komplett selbst finanzieren. Und auf Dauer wäre das zu viel. Wir reisen 20 bis 25 Wochen im Jahr, wer soll das bezahlen? Das kann ja dann nur, wer schon ganz oben angekommen ist. Aber wir sollten es generell Leuten ermöglichen, überhaupt dort hinzukommen. Und damit meine ich auch Trainerinnen, Ärztinnen oder Physios, die gerade ein Baby bekommen haben. Das darf kein Ausschlusskriterium sein, dass man dann im Sport arbeiten kann. Und es gibt Länder, die da viel weiter sind, zum Beispiel die Schweiz, Spanien, die Niederlande, auch die Briten und Franzosen. Da gibt es schon feste Regelungen zur Kinderbetreuung. Ich habe inzwischen auch ein Konzept dafür erarbeitet, gemeinsam mit Athleten Deutschland (Semechin wurde ins im Vorjahr ins Präsidium der Interessenvertretung gewählt, Anm. d.Red.), um Lösungen aufzuzeigen. In jedem anderen Betrieb gibt es für Angestellte Unterstützungsregelungen für die Menschen, die Eltern werden möchten, aber halt nicht im Leistungssport. Leistungssport ist aber genauso ein Vollzeitberuf. Bisher mussten sich Leistungssportlerinnen deswegen immer zwischen Baby und Karriere entscheiden. Weil man weiß, dass es überhaupt keine Unterstützung gibt, wenn ich mich entscheide, Mama zu werden. Da bekommt man einfach Existenzängste.
…über ihre ungewöhnliche Offenheit
Ich will mich stark machen und einsetzen dafür, dass bessere Regelungen für werdende Mütter im Leistungssport entstehen. Dafür bin ich auch bereit, mit meinen körperlichen, mentalen, aber auch systematischen Wehwehchen an die Öffentlichkeit zu gehen.
Text: RW& Press im Auftrag des Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes Berlin
