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„Kinder werden im Rehasport oft vergessen“ – im Gespräch mit Katrin Kunert über Kinder-Rehasport im Projekt „Teilhabe VEREINfacht“
Kinder-Rehasport ist vielerorts noch ein blinder Fleck: Angebote sind rar, Strukturen fehlen – und dabei ist der Bedarf groß. Im DBS-Projekt „Teilhabe VEREINfacht“ zeigt der BRS SV Stendal e.V., wie der Aufbau passender Kinder-Rehasportangebote gelingen kann – und stößt damit auf große Resonanz in der Region.
Über Erfahrungen, Herausforderungen und das, was es braucht, damit Kinder im Rehasport nicht übersehen werden, sprechen wir mit Katrin Kunert. Sie setzt sich seit vielen Jahren für mehr Sichtbarkeit und bessere Rahmenbedingungen im Kinder-Rehasport ein. Für dieses Engagement wurde sie kürzlich mit dem „Stern des Sports“ des DOSB in Bronze ausgezeichnet.
Katrin, magst du dich kurz vorstellen: Wer bist du, was ist deine Rolle im BRS SV Stendal e.V.?
Ich bin Katrin Kunert und als Übungsleiterin beim BRS SV Stendal aktiv. Ich betreue eine Erwachsenengruppe im Wasser und zwei Kindergruppen im Rehasport.
Außerdem war ich acht Jahre lang Vizepräsidentin Breiten-, Präventions- und Rehabilitationssport im DBS. Dass ich für mein Engagement im Kinder-Rehasport mit dem „Stern des Sports“ des DOSB und dem Bronzenen Stern der Volksbank ausgezeichnet wurde, freut mich natürlich sehr – vor allem, weil damit auch der Kinder-Rehasport insgesamt mehr Sichtbarkeit bekommt.
Wie kam es dazu, dass du dich gerade im Bereich Kinder-Rehasport engagierst?
Rehasport wurde lange vor allem für Erwachsene gesehen und angeboten – nach Operationen, nach einem Herzinfarkt oder bei chronischen Erkrankungen. Erwachsene und ihre Bedarfe an Bewegung und Sport sind in der Gesellschaft deutlich sichtbar. Kinder hingegen werden in diesem Bereich oft schlicht vergessen oder übersehen.
Als der DBS dann das Projekt „Teilhabe VEREINfacht“ initiiert hat, war das für mich ein wichtiger Impuls. Neben Breitensportangeboten stand dort auch der Kinder-Rehasport im Mittelpunkt. Das hat mich bestärkt, meine Idee endlich konkret umzusetzen.
Warum siehst du einen besonders großen Bedarf im Bereich Kinder-Rehasport?
Wir haben zahlreiche Hinweise aus Bewegungsberichten, Untersuchungen oder auch aus den Schuleingangsuntersuchungen, dass Kinder zunehmend Defizite im Bewegungsspektrum und bei den koordinativen Fähigkeiten aufweisen.
Viele Kinder bringen heute einfach nicht mehr das Bewegungsrepertoire mit, das früher selbstverständlich war: balancieren, springen, fangen, klettern – all das fällt vielen schwerer. Genau hier setzt Kinder-Rehasport an: Wir wollen Grundlagen schaffen, stärken und stabilisieren.
Welche typischen Gründe gibt es, warum Kinder zu dir in den Rehasport kommen?
Sehr typisch für unsere bewegungsarme Gesellschaft ist Adipositas, also starkes Übergewicht, mit entsprechenden orthopädischen Indikationen. Die Gelenke müssen das hohe Gewicht tragen, und bei zu wenig Bewegung werden sie zusätzlich nicht ausreichend mobilisiert.
Diese Kinder erleben dann oft, dass sie im Sportunterricht oder schon in der Kita „gehemmt“ sind, weil sie merken, dass sie nicht so schnell sind wie andere oder im Turnen am Reck nicht über eine Schulnote 5 hinauskommen. In Regelsportvereinen sind sie mit ihren Bedürfnissen oft nicht gut aufgehoben.
Außerdem betreue ich Kinder mit Teilentwicklungsverzögerungen, ADHS, Autismus und anderen Diagnosen – meist liegt nicht nur eine Diagnose, sondern ein Bündel an Beeinträchtigungen vor. Der Kinder-Rehasport bietet ihnen einen geschützten Rahmen, in dem sie sich trotzdem gerne bewegen.
Wie genau verlief der Aufbau deiner Kinder-Rehasportgruppen?
Ich hatte von Anfang an einen relativ klaren Plan: Ansetzen wollte ich beim letzten Kitajahr und den ersten beiden Klassen der Grundschule. In diesem Alter werden die meisten koordinativen Fähigkeiten entwickelt und gefestigt, daher erschien mir das als ideale Zielgruppe.
Ich habe mich für die Bereiche Orthopädie und geistige Behinderung als Übungsleiterin weiterbilden lassen. Dann stand zunächst die ganz praktische Frage im Raum: Wo können wir überhaupt trainieren? Ich hatte das Glück, Mitglied im größten Sportverein der Hansestadt Stendal zu sein, und wir haben als Verein ein gutes Verhältnis zur Stadt. So konnte ich einen Raum für kleine Gruppen für drei Stunden pro Woche fest buchen – damit war klar, dass sich mehrere Gruppen aufbauen lassen.
Erst danach habe ich mit der Öffentlichkeitsarbeit begonnen: Es gab Pressegespräche, Infobriefe für Kitas, Grundschulen und Ärztinnen, die ich immer persönlich übergeben habe. Auf einer Dienstberatung der Kitaleitungen konnte ich das Angebot noch einmal vorstellen. Auch die Verwaltungen von Stadt und Landkreis wurden informiert.
Nach gut vier Monaten habe ich in einer Kinderarztpraxis nachgefragt, ob die Informationen angekommen waren, und in einem längeren Gespräch erläutert, welches Verordnungsformular genutzt wird. Ab Anfang Februar konnte ich dann mit einer Gruppe starten – die Altersspanne war zwar anders als ursprünglich geplant, aber das Konzept ließ sich gut anpassen.
Welche Rolle hat das Projekt „Teilhabe VEREINfacht“ bei der Umsetzung gespielt?
Das Projekt hat für mich vieles tatsächlich „vereinfacht“. Ich hatte zwar schon vor dem Projekt vor, mit Kinder-Rehasport zu starten, aber im Rahmen von „Teilhabe VEREINfacht“ gab es durch die sehr gute Vorbereitung und Begleitung durch die Mitarbeitenden enorm viel Unterstützung.
Die Auftaktveranstaltung mit ihren vielen Inhalten, die Netzwerktreffen mit wertvollem Erfahrungsaustausch, die Webinare – die ich fast alle belegt habe – und die Bereitstellung von Materialien haben mir viel Arbeit abgenommen und auch Kosten erspart. Ohne dieses Projekt wäre der Einstieg deutlich schwerer gewesen.
Welche Herausforderungen sind dir bei der Bekanntmachung begegnet – und wie hast du sie gelöst?
Am Anfang wurde ich tatsächlich oft gefragt: „Warum denn Rehasport für Kinder? Brauchen die das überhaupt?“ Viele Ärztinnen und Ärzte kannten die Möglichkeit der Verordnung von Kinder-Rehasport gar nicht.
Die Lösung war: ganz viel erklären, aufklären, nachhaken – und deutlich machen, dass ich das wirklich machen will und dass es einen klaren Bedarf gibt. Mit der Zeit ist das Verständnis gewachsen, und inzwischen ist Kinder-Rehasport bei uns im Umfeld deutlich präsenter.
Was ist dein persönliches Erfolgsrezept – warum laufen die Gruppen so gut?
Ein wesentlicher Punkt ist, dass die Kinder bei uns so sein dürfen, wie sie sind. Es geht nicht um Leistung oder Wettkämpfe, sondern um Freude an Bewegung. Wir haben zwar eine klare Struktur, aber innerhalb dieser Struktur gibt es Mitbestimmung: Am Ende der Stunde dürfen die Kinder zum Beispiel die Spiele selbst wählen.
Wir orientieren uns an den individuellen Möglichkeiten und nicht an Normen oder Noten. Das nimmt Druck raus – und gerade Kinder, die sonst ständig erleben, „nicht gut genug“ zu sein, blühen in diesem Rahmen auf.
Was unterscheidet deine Rehasport-Gruppen von klassischen Sportangeboten?
In klassischen Sportangeboten steht oft Leistung stärker im Vordergrund: schneller, höher, weiter. Bei uns nicht.
Im Kinder-Rehasport geht es um Gesundheitsförderung, um Bewegungsfreude und um Teilhabe. Die Übungen sind so aufgebaut, dass sie medizinisch sinnvoll und im Alltag wirksam sind – aber ohne, dass die Kinder das als „Therapie“ wahrnehmen. Für sie ist es Spiel und Sport, für uns ist es gleichzeitig gezielte Förderung.
Wie erlebst du das Miteinander der Kinder – mit und ohne Behinderung – in deinen Gruppen?
Großartig! Wir haben zum Beispiel Lars der eine infantile Zerebralparese und eine Teilentwicklungsverzögerung hat. Seine Behinderung ist deutlich sichtbar. In der kleinen Gruppe streiten sich die Mädchen regelmäßig darum, wer ihm beim Schuhe anziehen helfen darf.
Ansonsten spielt die Behinderung für die Kinder gar keine so große Rolle. Sie nehmen einander so an, wie sie sind. Die Gruppe lernt ganz selbstverständlich, Rücksicht zu nehmen, zu unterstützen und gemeinsam Spaß zu haben.
Welche positiven Veränderungen beobachtest du bei den Kindern, die regelmäßig teilnehmen?
Viele Kinder sind sehr motiviert. Gerade nach Ferien höre ich oft: „Endlich geht es wieder los!“ Sie kommen gerne, fühlen sich sicher und wertgeschätzt.
Natürlich gibt es – vor allem bei den älteren Kindern – auch mal Phasen, in denen jemand sagt: „Heute habe ich keine Lust.“ Das ist normal, gehört zum Aufwachsen dazu. Entscheidend ist: Die meisten bleiben dabei, weil sie merken, dass es ihnen guttut.
Was würdest du anderen Vereinen raten, die überlegen, Kinder-Rehasportgruppen einzurichten?
Für andere Vereine ist mein Rat: Vernetzt euch, sucht Verbündete, sucht das Gespräch mit potenziellen Partnerinnen und Partnern – und arbeitet früh mit Kreis-, Stadt- und Sportstrukturen zusammen. Unser Verein wird den Kinder-Rehasport auf Dauer nicht allein stemmen können, deshalb bin ich im engen Austausch mit dem Kreissportbund und dem Kreisfachausschuss.
Das A und O wird allerdings sein, Übungsleiterinnen und Übungsleiter zu gewinnen und auszubilden. Ohne qualifizierte Menschen, die mit Herzblut dabei sind, geht es nicht.
Was wünschst du dir für die Zukunft des Kinder-Rehasports – in deinem Verein, aber auch bundesweit?
In meinem eigenen Verein sind wir gut aufgestellt; dort habe ich alle Unterstützung, die ich brauche.
Bundesweit wünsche ich mir, dass die Mitgliedsorganisationen im DBS das Thema Kinder-Rehasport noch viel stärker auf die Agenda setzen. Es muss gelingen, Kinder-Rehasport sichtbarer zu machen und flächendeckend zu etablieren.
Die Auszeichnungen mit dem „Stern des Sports“ und dem Bronzenen Stern zeigen, dass dieses Engagement wahrgenommen wird – aber es ist erst ein Anfang. Denn: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wenn wir Kindern früh Zugänge zu Bewegung, Sport und Teilhabe eröffnen, profitieren sie ein Leben lang davon.
