Aktuelles aus dem Bereich Sportentwicklung
Erik Machens: „Erfahrungen durch Begegnungen von größter Bedeutung“
Erik Machens ist seit September 2025 Referent für Breitensport und Inklusion beim Deutschen Behindertensportverband (DBS). Früher agierte er über viele Jahre als Trainer von Rollstuhltanzsportgruppen. Durch eine inkomplette Querschnittslähmung ist er auf den Rollstuhl angewiesen und war damit Übungsleiter mit Behinderung. Eine Kombination, die es in der Praxis noch viel zu selten gibt – dabei ist der Mehrwert groß.
DBS: Wie verlief dein Einstieg in den Para Sport?
Machens: Mein erster Berührungspunkt mit Sport war direkt der Leistungssport mit Mitte zwanzig. Das lag vor allem daran, dass ich in der Schule vom Sportunterricht befreit war und es auch in meiner Jugend kein Angebot in Tanzschulen für mich gab. 2009 habe ich nach einem Workshop bei dem damaligen Bundestrainer mit Rollstuhltanzsport angefangen und 2010 direkt am ersten Turnier teilgenommen.
DBS: Und wie bist du Trainer im Rollstuhltanzsport geworden?
Machens: 2015 wurde ich von einem Verein angefragt, der gerne Rollstuhltanzsport anbieten wollte und dafür einen Rollstuhltanzsportler für ein inklusives Trainer-Duo gesucht hat. Das war für mich der Einstieg, insgesamt habe ich dann zehn Jahre lang verschiedene Angebote trainiert und auch neu aufgebaut.
DBS: Wie waren deine Erfahrungen in den zehn Jahren?
Machens: Gefreut hat es mich, in der Trainerfunktion die Vereine zu einem inklusiven Selbstverständnis zu beraten. Also zum Beispiel, wie man auf Augenhöhe mit Menschen mit Behinderung umgeht und Barrieren abbaut. Zentral war in der Konzeption dieser Kurse stets die Frage, wo die sportlichen Möglichkeiten der Mitglieder liegen, aber auch individuelle Grenzen. Mir war es immer wichtig, nicht davor zurückzuscheuen, sowohl zu fordern als auch zu fördern. Wir wollten schließlich Sport machen, bei dem jeder seine eigenen Möglichkeiten entdecken kann.
DBS: Hast du ein Beispiel für Dinge, die berücksichtigt werden müssen?
Machens: Es gibt da ganz grundlegende Sachen. Bei Rollstuhlfahrern denkt man vielleicht erstmal daran, dass diese den Rollstuhl mit den Armen bewegen. Es gibt aber zusätzlich die Taktik, den Rollstuhl mithilfe des Oberkörpers zu bewegen, um mehr Schwung zu entwickeln. Das sollte man aber nicht von jemandem fordern, der etwa ein sehr hohes Lähmungsniveau hat. Dafür braucht man eine gewisse Sensibilisierung im Verein. Erfahrungen durch Begegnungen sind dafür von größter Bedeutung.
DBS: Was waren Herausforderungen, die du als Trainer erlebt hast?
Machens: Ich habe festgestellt, dass es manchmal noch stereotype Vorstellungen von Menschen mit Behinderung gibt, was deren Fähigkeiten und Eignungen angeht. Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir Menschen genau das zutrauen, was sie auch können. Dazu gehört auch, dass wir auch Menschen mit Behinderung zutrauen, selbst Angebote zu leiten. Erst wenn wir beginnen Menschen mit Behinderung neben dem Sporttreiben beispielsweise auch eine Trainerfunktion selbstverständlich zuzutrauen, können sie diese Option für sich entdecken. Dann fühlen Menschen mit Behinderung sich auch angesprochen. Wichtig ist immer, miteinander ins Gespräch zu kommen, um die bestmögliche Lösung in der Praxis zu finden - egal, ob man selbst Sport treiben oder man sich anderweitig im Ehrenamt engagieren möchte.
DBS: Hast du eine Ausbildung zum Trainer gemacht?
Machens: Nein, dabei halte ich das für ein ganz wichtiges Thema im Bereich des inklusiven Sportbetriebs. Im Rollstuhltanzsport gibt es beispielsweise kein regelmäßiges Trainer- oder Fortbildungsangebot. Das heißt, es sind auch strukturelle Herausforderungen, vor denen wir stehen. Wenn wir in einer Welt leben, in der Menschen mit Behinderung nicht auf die Idee gebracht werden, dass Sport etwas für sie sein könnte, dann kommen sie auch nicht dazu, einen Trainerschein zu machen – erst recht nicht, wenn es an diesen Angeboten mangelt. Und so fehlen dann wichtige Impulse im organisierten Sport. Ich bin überzeugt, dass der Blickwinkel von Menschen mit Behinderung für Sportvereine, deren Mitglieder und für eine vielfältige Gesellschaft von großem Mehrwert ist.
DBS: Hättest du gerne mal an einer Qualifizierungsmaßnahme teilgenommen?
Machens: Definitiv, wobei eine spezifische Aus- oder Fortbildung auch keine Verpflichtung ist, um sich als Übungsleitung zu engagieren. Ich bin mir aber sicher, dass man in hohem Maße von den vermittelten Inhalten einer Fortbildung profitieren kann. Ich habe mich auch einmal bei einer Fortbildung angemeldet, aber diese wurde dann leider mangels Nachfrage abgesagt. Das ist ebenfalls ein Herausforderung, welche sich unmittelbar aus den Strukturen ergibt, die zu selten Rahmenbedingungen schaffen, in denen Menschen mit Behinderung flächendeckend Sport ausüben oder sich vielfältig im Sport engagieren können.
DBS: Gibt es dadurch deiner Meinung nach zu wenig Menschen mit Behinderung als Übungsleitende im Sport?
Machens: Ja, meiner Einschätzung nach ist es noch eine viel zu überschaubare Anzahl. Das unterscheidet sich von Sportart zu Sportart, im Rollstuhlbasketball sieht es zum Beispiel ganz gut aus, in anderen Sportarten weniger. Wenn wir über Inklusion reden, müssen wir kontinuierlich daran arbeiten, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, ihren Platz im Sport zu entdecken, zum Beispiel auch einen Trainerschein zu machen. Denn wir brauchen in fast jeder Sportart mehr Übungsleitende, ob mit oder ohne Behinderung. Sie halten ihren Sport lebendig und bauen ihn noch weiter aus.
DBS: Was muss deiner Ansicht nach für mehr Inklusion im Trainerbereich getan werden?
Machens: Wir müssen grundlegend mehr Angebote in der Breite für Menschen mit Behinderung schaffen, genauso wie inklusive Angebote, bei denen sich Menschen mit und ohne Behinderung begegnen und dadurch soziale Barrieren abbauen. Parallel dazu müssen wir Möglichkeiten schaffen, diesen Menschen zu ermöglichen, sich an den verschiedenen Stellen im organisierten Sport einzubringen, dazu gehören regelmäßige Fortbildungsangebote für Übungsleiter- und Trainerscheine. Erst wenn das selbstverständlich ist, können wir Menschen mit Behinderung auch nachhaltig für vielfältige Rollen im organisierten Sport gewinnen. Es muss als Verband und auch als Gesellschaft unser Ziel sein, die Türen für Menschen mit Behinderung weit zu öffnen.
