Aktuelles aus dem Behindertensport

Großer Zulauf beim inklusiven Tischtennis-Lehrgang

Wenn Kinder lernen Vorurteile abzubauen

Jugend-Nationalspieler Yannik Rüddenklau und Johannes Urban beim Showmatch Bild vergrößern
Jugend-Nationalspieler Yannik Rüddenklau (l.) und Johannes Urban (r.) beim Showmatch © sport grenzenlos

„The same procedure as every year“: Ein bisschen von dieser speziellen „Dinner for One“-Stimmung herrschte beim inklusiven Tischtennis-Lehrgang, den der Göttinger Verein SC Weende gemeinsam mit der Behindertensportinitiative "sport grenzenlos" im Januar in der Halle am James-Franck-Ring bereits zum vierten Mal durchführte. So trainierten mehrere Tischtennis-Nationalspieler, angeführt vom zweifachen Paralympicssieger Holger Nikelis, Seite an Seite mit mehr als 55 Kindern im Alter zwischen 9 und 18 Jahren – das bedeutete: neuer Teilnehmerrekord.

„Oh Mann! Wie soll er denn den Ball für den Aufschlag mit dem Fuß hochwerfen, wenn er doch gelähmt ist und im Rollstuhl sitzt?“, fragte einer der jungen Lehrgangsteilnehmer seinen Freund und schlug sich lachend die Hände vors Gesicht. Nun hatte die ganze Gruppe sichtlich Spaß. Soeben hatte sport grenzenlos Trainer Michael Meißner gefragt, wie jemand einen Aufschlag macht, der nur eine Hand zur Verfügung habe. Die Kids, eigentlich alles "Fußgänger", saßen dabei in den von Ottobock zur Verfügung gestellten Rollstühlen. „Schau doch mal, wie Jannik oder Freddy den Aufschlag machen“, sprudelte es aus dem Jungen heraus.

Bei der bereits vierten Auflage des inklusiven Tischtennis-Lehrgangs, den der SC Weende und das sport grenzenlos Team um Initiator und Paralympicssieger Holger Nikelis gemeinsam in der Halle am James-Franck-Ring veranstalteten, gab es unzählige dieser Situationen. Und ein Blick an den Nachbartisch brachte in fast jeder Situation gleich die passende Lösung.

Denn mit den Teilnehmern des SC Weende und umliegenden Göttinger Vereinen trainierte das sport grenzenlos Team. Das vereint neben Nikelis aktuelle und ehemalige Nationalspieler, wie die Deutschen Meister Yannik Rüddenklau (Unterschenkelprothese), Marlene Reeg, die ohne Unterarm auf die Welt kam, den kleinwüchsigen Johannes Urban, die Rollstuhlfahrerin und Paralympics-Fünfte Sandra Mikolaschek, sowie den seit einem Unfall am ehemaligen Schlagarm gehandicapten Frederic Peschke. Hinzu kommt der halbseitig gelähmte, ehemalige Nationalspieler Jannik Schneider. Außerdem dabei: Zahlreiche ambitionierte Nachwuchskräfte des Lüneburger Bezirksstützpunktes.

Für Holger Nikelis ist das der Idealzustand für ein gelungenes Training auf Augenhöhe. Dem Initiator des 2012 gegründeten Behindertensportprojekts „sport grenzenlos“ liegt es am Herzen, Tischtennis als barrierefreien Sport zu präsentieren. Egal, ob als Rollstuhlfahrer oder mit einer anderen Behinderung: „Das Schöne an unserem Sport ist, dass ihn jeder spielen kann“, sagte der 38-Jährige am Rande einer Einheit. Dass das nicht nur eine Phrase ist, zeigt der zweifache Paralympicssieger im Rollstuhl-Tischtennis mit seinem Team über das Jahr verteilt bei zahlreichen Events.

Dass der Lehrgang in Göttingen mittlerweile zum festen Inventar des Jahresplans gehört, liegt vor allem an der guten Seele des SC Weende, Frauke Alves. Alves hatte mit ihren beiden Kindern, die beim SC Weende aktiv sind, 2013 ein Spiel der Tischtennis-Bundesliga besucht und dort Nikelis kennengelernt. „Wir haben uns von Beginn an super verstanden und da bei uns im Verein auch Menschen mit Behinderungen mitspielen, entstand die Idee eines gemeinsamen Lehrgangs“ erklärte Alves. Im Januar 2014 traf man sich erstmals für ein gemeinsames Trainingswochenende. Sie ist froh, dass sich Thomas Koch (Abteilungsleiter SC Weende Tischtennis) und Martin Koch (Vorsitzender des Fördervereins) im Jahr 2017 nahezu komplett um den organisatorischen Ablauf gekümmert haben. „Ohne die beiden wäre das dieses Mal so nicht zu stemmen gewesen.“ Auch die Reaktion der Kids habe sie gefreut: „Wir haben mittlerweile eine Tradition. Anhand des Auftretens der Kinder erkennt man, dass hier echt etwas zusammengewachsen ist“, so Alves.

Die Kinder zahlen es mit Begeisterung zurück. „Ich erzähle meinen ganzen Kumpels immer, dass wir hier mit Spielern aus der Behinderten-Nationalmannschaft spielen dürfen. Die glauben mir dann erstmal nicht, dass man im Rollstuhl oder mit Beinprothese so krass gut spielen kann“, sagte der zwölfjährige Mattis vom Lüneburger Stützpunkt. Er ist mit seinen Teamkollegen und den Trainern Ronny Quasdorf, Lukas Prinkop und Dennis Lookhoff zum zweiten Mal dabei. „Von daher finde ich es echt wichtig, dass wir da die Angst abbauen", erklärte Mattis total abgeklärt. Vor allem der 19-jährige Yannik Rüddenklau hat es ihm angetan. „Ich habe große Probleme bei schnellen Sidesteps, wenn ich von Rückhand auf Vorhand wechseln muss“, erklärte er während des Trainings. „Und Yannik ist trotz der Prothese so schnell.“ Da habe er sich einiges abgeschaut. „Er arbeitet einfach viel sauberer.“

Noch länger dabei sind die Kids des SC Weende, die von Jugendwart Joachim Vogt und den unglaublich engagierten Coaches Anna Fabian, Peter Lauerer und Hendrik Bartels betreut werden. „Wir sind mit dem erneuten Teilnehmerrekord sehr zufrieden“, betonte Vogt, für den die Zusammenarbeit mit Nikelis und Co. auch im vierten Jahr noch etwas Besonderes ist. „Wir nutzen den Lehrgang ja auch, um unsere Schützlinge auf die Landesmeisterschaften vorzubereiten. Da ist es einzigartig, Spieler dabei zu haben, die taktisch und platzierungstechnisch so gut geschult sind.“ Einer seiner Schützlinge ist Malte. Er ist das dritte Mal dabei. „Das hier“, sagte er „ist immer die einzige Möglichkeit, in Rollstühlen Tischtennis zu spielen.“ Die besondere Perspektive wolle er eigentlich viel öfter ausprobieren. „Geht aber nur, wenn sport grenzenlos da ist“, berichtete er.

„Die Einheit in den von Ottobock zur Verfügung gestellten Rollstühlen ist eines der wesentlichen Merkmale von sport grenzenlos Aktionen. Hier können die Kinder spielerisch ausprobieren was es bedeutet, den Alltag mit Handicap zu bestreiten. Und den Tischtennissport einmal aus einer anderen Perspektive erleben“, sagte Nikelis, der mit Lebensgefährtin Linda Geisler-Seeliger und seinem Heimtrainer Michael Meißner die Einheiten vorbereitete und durchführte.

„Wir finden es toll, dass die Teilnehmer hier ihre eigenen Erfahrungen machen können“, sagte Rüdiger Herzog, Redakteur in der Unternehmenskommunikation bei ottobock. Mit dem Spaß und dem Respekt der beim inklusiven Lehrgang herrschteund der Nähe zum Firmenhauptsitz in Duderstadt, sei eine Unterstützung von ottobock eine Selbstverständlichkeit. Der Prothesen- und Rollstuhlhersteller war es auch, der eine barrierefreie Übernachtung des sport grenzenlos Teams im Tabalugahaus in Duderstadt ermöglichte. Dort fand das immer größer werdende grenzenlos Team (dieses Mal sorgten insgesamt 16 Personen für einen reibungslosen Ablauf) optimale Bedingungen vor.
Dieses Jahr unterstützte erstmals die „Aktion Mensch“ den in dieser Form einzigartigen Lehrgang, „Tischtennis Pur“ sorgte für die optimale Ausstattung und der Stadtsportbund steuerte mit einer finanziellen Unterstützung zum Erfolg der Veranstaltung bei.

Während des öffentlichen „Meet & Greet“ am Samstagnachmittag stellten die Nationalspieler vor rund 200 Zuschauern ihr Talent in einem Showmatch unter Beweis. Anschließend überreichte Tischtennisspieler Reinhard Henze, der das Team seit dem vergangenen Jahr unterstützt, erneut eine Spende in Höhe von 1.200 Euro für das Sportler-Förderprogramm von sport grenzenlos. „Es können Patenschaften für unsere Sportler übernommen werden, damit sie Weltcupturniere und Trainingslager selbstständiger finanzieren können“, erklärte der Initiator. Henze sicherte zudem die Spende für die kommenden fünf Jahre zu. Beeindruckt waren auch die Gastredner, wie Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, der das besondere Engagement aller Helfer hervorhob. Weiterhin rückten Prof. Dr. Ludwig Theuvsen, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Göttinger CDU sowie der Ortsbürgermeister Weendes, Hans-Albert Ludolph, das Engagement von sport grenzenlos in ein besonderes Licht. Zudem freute sich Alves über das Erscheinen von Dr. Hartmut Stinus, ortsansässiger Orthopäde und zeitgleich medizinischer Betreuer der Skifahrer des Behindertensports.

Trotzdem standen die Lehrgangsteilnehmer bereits vor 9 Uhr am Sonntag wieder an den Tischen. Abgerundet wurde der grenzenlose Lehrgang wie in jedem Jahr von einem kleinen Turnier. „Der Lehrgang mit dem SC Weende ist für uns mehr als eine kleine Tradition, der wir gerne auch nächstes Jahr wieder nachkommen“, blickte Initiator Holger Nikelis bereits auf ein mögliches Wiedersehen in 2018. Bis dahin stehen jedoch noch jede Menge Aufgaben vor seinem Team. „Denn für das bevorstehende fünfjährige Jubiläum haben wir uns etwas ganz besonderes vorgenommen.“

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