Aktuelles vom Deutschen Behindertensportverband
Spitzensportförderung: Starke Stimme für den Para Sport unerlässlich
Eine starke Stimme für den Para Sport fordern DBS-Präsident Hans-Jörg Michels (64) und Vorstandsvorsitzender Idriss Gonschinska (57), um die Besonderheiten des Sports von Menschen mit Behinderung zu transportieren. Gleichzeitig brauche es künftig eine gleichberechtigte Förderung des olympischen und paralympischen Sports. Über die Sportförderung, das Sportfördergesetz, die Bewerbung um Spiele in Deutschland sowie die Notwendigkeit des verbesserten Zugangs in den Sport für Menschen mit Behinderung sprechen Hans-Jörg Michels und Idriss Gonschinska im Interview.
Was soll das Sportfördergesetz bewirken?
Gonschinska: Wir verbinden damit die Hoffnung auf einen Paradigmenwechsel in der Sportförderung in Deutschland, um diese leistungsorientierter, wirksamer und nachhaltiger zu gestalten. Über allem steht das Ziel, im internationalen Kräftemessen konkurrenzfähig zu sein. In diesem Sinne sollen bestmögliche Rahmenbedingungen für Spitzenathlet*innen sowie Planungssicherheit für Trainer*innen und Verbände geschaffen werden.
Michels: Die vergangenen Olympischen und Paralympischen Spiele zeigen, dass andere Nationen aufgeholt oder uns auch überholt haben. Der internationale Wettbewerb wird stetig herausfordernder. Auch wir als DBS brauchen eine verbesserte Förderung in sämtlichen Bereichen, um die Strukturen weiter zu professionalisieren, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern und den teils gegebenen Rückstand zu vergleichbaren Nationen zu reduzieren. Dabei geht es sowohl um die Athletenförderung als auch um einen Aufwuchs des Leistungssportpersonals und der Mittel für Lehrgangsmaßnahmen, die wissenschaftliche Prozessberatung, technische Innovationen sowie eine langfristige Planbarkeit.
"Wir wollen keine Sonderbehandlung – sondern faire, passgenaue und chancengleiche Rahmenbedingungen"
Was muss sich mit Blick auf den Para Sport ändern?
Michels: Inklusion bedeutet echte Teilhabe. Damit der Sport von Menschen mit Behinderung von Anfang an mitgedacht wird, braucht es detaillierte Fachkenntnisse und eine starke Stimme, die seine Besonderheiten sichtbar macht und verbindlich einbringt.
Gonschinska: Unsere Erwartung ist klar: Olympischer und paralympischer Sport müssen künftig gleichberechtigt gefördert werden, unter Berücksichtigung der speziellen Bedarfe. Der Para Sport ist in den letzten Jahren deutlich sichtbarer geworden – nun gilt es, ihn auch strukturell und systematisch auf Augenhöhe zu verankern. Wenn Deutschland auch künftig bei Paralympics erfolgreich sein möchte, ist eine Weiterentwicklung der Förderung auf der Basis einer umfassenden Expertise aus dem Para Sport erforderlich. Dafür braucht es die unmittelbare Einbeziehung des Nationalen Paralympischen Komitees. Der paralympische Sport unterscheidet sich in spezifischen Punkten vom olympischen. Aufgrund dieser Besonderheiten braucht es mehr als eine beratende Funktion. Als Deutscher Behindertensportverband und auch als Nationales Paralympisches Komitee werben wir selbstbewusst darum, mit Sitz und starker Stimme in dem Entscheidungsgremium vertreten zu sein. Unser Anliegen ist klar: Wir wollen keine Sonderbehandlung – sondern faire, passgenaue und chancengleiche Rahmenbedingungen.
Die geplante Spitzensport-Agentur kann ein sehr starkes Instrument werden – wenn sie Leistung und auch Vielfalt kompetent abbildet. Aus Sicht des DBS ist es erforderlich, dass die spezifischen Bedarfe des Sports von Menschen mit Behinderung ihren gebotenen Platz finden.
Welche Rolle spielt die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland?
Michels: Eine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele wird auch an der Frage gemessen: Welches Sport- und Gesellschaftsbild verkörpert dieses Land? Eine Sportförderung, die den paralympischen Sport gleichberechtigt integriert, ist ein Glaubwürdigkeitsfaktor. Es zeigt, dass Deutschland Leistung, Vielfalt und Inklusion gemeinsam denkt.
Gonschinska: Jede Rampe, jeder barrierefreie Bahnhof, jede zugängliche Sportstätte erzählt die gleiche Geschichte: Wir bauen eine Gesellschaft, an der jede und jeder teilhaben kann. Was für die Spiele gebaut wird, verbessert das Leben vieler Menschen weit über das Event hinaus. Gerade jetzt besteht die Chance, ein System zu schaffen, das sportlichen Erfolg ermöglicht und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Es ist unser Ziel, bei den Paralympics möglichst erfolgreich abzuschneiden, uns also in der absoluten Weltspitze zu positionieren. Zudem wollen wir, dass künftig nicht mehr 55 Prozent der Menschen mit Behinderung sagen, dass sie keinen Sport treiben. Daher müssen wir die Rahmenbedingungen für Talente verbessern und den Behindertensport von der Breite bis zur Spitze nachdrücklich stärken.
"Es darf in Deutschland keine Glückssache mehr sein, ob Menschen mit Behinderung Sport treiben können"
Warum ist es so schwierig, den Sport von Menschen mit Behinderung in der Breite zu stärken?
Michels: Es ist leider noch keine Selbstverständlichkeit, dass die Tür zum Sport offen steht und nicht geschlossen ist. In der Praxis scheitert das Sporttreiben häufig nicht am fehlenden Willen – sondern an den fehlenden Möglichkeiten. 17 Jahre nach der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen darf es in Deutschland keine Glückssache mehr sein, ob Menschen mit Behinderung Sport treiben können. Ziel muss es sein, dem Bewegungsmangel entgegenzuwirken – mit allen positiven Folgen für Gesundheit und Mobilität. Wir müssen die vielfältigen Barrieren abbauen, die Teilhabe am Sport derzeit noch verhindern. Dazu braucht es inklusive oder behindertenspezifische Angebote in Vereinen, bestenfalls ausgebildete Übungsleitende, möglichst barrierefreie Sportstätten und unbürokratischen Zugang zu Sporthilfsmitteln.
Gonschinska: Der Deutsche Behindertensportverband kämpft gemeinsam mit seinen Landes- und Fachverbänden Tag für Tag darum, den Zugang und die Voraussetzungen zu verbessern, damit Menschen mit Behinderung sportlich aktiv sein können. Dafür gibt es bspw. die Online-Plattform parasport.de, das Inklusionsmobil, das Handbuch Behindertensport, bundesweite Talent- und Schnuppertage oder die SportWoche für Alle. Wir haben den festen Willen, Teilhabe im Sport voranzubringen und die bestehenden Barrieren nach und nach aus dem Weg zu räumen. Denn der Para Sport zeigt nicht nur die beeindruckende Leistungsfähigkeit, er kann der Gesellschaft auch ganz viel geben. Die Top-Athlet*innen sind Vorbilder für Haltung, für Zusammenhalt, für Perspektivenwechsel. Sie inspirieren Menschen zu mehr Bewegung – körperlich wie mental. Und sie geben unserer Gesellschaft etwas sehr Wertvolles zurück: den Glauben, dass Vielfalt eine Stärke ist. Entscheidend dafür ist noch viel mehr Sichtbarkeit und nachhaltige Verbreitung – auch mit der Unterstützung aus Politik, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft.
