Aktuelles vom Rollstuhlbasketball im Deutschen Behindertensportverband
Rollstuhlbasketball-WM: „Aufgeben ist nie eine Option" – Neubauers zweite Karriere
Vom 9. bis 19. September wird in Ottawa die Rollstuhlbasketball-Weltmeisterschaft ausgetragen. Für die deutsche Nationalmannschaft geht es um mehr als nur Ergebnisse. Nach dem personellen Umbruch steht die Weiterentwicklung im Fokus – und damit die Zukunft des Teams. Mit dabei ist Roli-Ann Neubauer als zweifache Mutter, Ex-Profi-Basketballerin im Fußgängerbereich und mittlerweile Nationalspielerin im Rollstuhlbasketball. Ihre Geschichte ist die einer Sportlerin, die sich nach Rückschlägen immer wieder neu erfand, weil Aufgeben schlicht keine Option war.
Roli-Ann Neubauer ist in Berlin-Schöneberg geboren und aufgewachsen. Als Kind probierte sie sich durch etliche Sportarten, von Feldhockey über Schwimmen und Tischtennis bis hin zu Leichtathletik sowie später Fußball und Basketball. Mit zwölf Jahren musste sie sich schließlich entscheiden, weil sich die Trainingszeiten überschnitten. „Ich bin beim Basketball geblieben, weil ich so sein wollte wie mein großer Bruder – und der hatte Basketball für sich entdeckt. Das war der ausschlaggebende Punkt“, erzählt sie. Die gemeinsame Leidenschaft der Geschwister für den Sport hält bis heute an: „Basketball ist einfach ein Teil von uns.“ Beide spielten später in Italien und sogar in der jeweiligen deutschen Nationalmannschaft.
Dass aus ihrem Hobby mehr werden könnte, wurde Neubauer im Jahr 2000 bewusst, als sie für die Berliner Auswahl auflief und im Zuge der U16-Sichtung vom Erstligisten Aschaffenburg entdeckt wurde. Da Berlin zu der Zeit über keinen höherklassigen Basketball verfügte, verließ die damals 16-Jährige ihre Heimatstadt und zog zu einer Gastfamilie nach Bayern. „Die Entscheidung fiel mir leicht. Ich hörte von vielen, dass ich sehr talentiert bin, also war klar, dass ich gehe“, sagt sie. Über den BTV Wuppertal und die deutsche Meisterschaft führte ihr Weg in die USA, wo sie „den nächsten Schritt machen“ wollte und im College-Basketball erfolgreich war. Mit ihrem Team erreichte sie das Achtelfinale der landesweiten Endrunde, gewann die Meisterschaften der Big South Conference und wurde zur besten Abwehrspielerin des Jahres gewählt.
Kurz darauf folgte die erste Nominierung für die deutsche A-Nationalmannschaft. Roli-Ann Neubauer empfand diesen Moment als Beweis, „dass man durch Fleiß und absoluten Willen vieles erreichen kann“. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr eine Begegnung nach einem Länderspiel in Frankreich, bei der ein kleines französisches Mädchen sie um einen Kuss auf die Wange bat, weil es sie für ihr Spiel bewunderte. „Das war für mich eine zusätzliche Motivation, um weiterzumachen“, erinnert sich Neubauer.
Verletzungen, ein Rechtsstreit und das Ende ihrer ersten Karriere
Neubauers sportlicher Weg war jedoch von schweren Rückschlägen geprägt. Im Dezember 2010 rissen ihr im Training der Wolfenbüttel Wildcats beide Patellasehnen. Nach einer laut Neubauer „falschen Behandlung durch den Mannschaftsarzt“ riss ihr fünf Wochen später die linke Patellasehne erneut. Ärzte prognostizierten das Ende ihrer Karriere. „Das war eine sehr schwierige Situation für mich“, sagt Neubauer. Sie zog vor die oberste Ärztekammer, um die Fehlbehandlung einklagen zu lassen – jedoch ohne Erfolg.
Entgegen den Erwartungen kämpfte sich Neubauer zurück und wurde erneut Deutsche Meisterin. Nach dem Insolvenzantrag der Wildcats im Jahr 2013 zog es sie zurück in ihre Heimat, sie wurde zwischenzeitlich Trainerin und wagte sich 2019 an ein Comeback. Doch ihr Einstieg im 3x3-Basketball endete abrupt mit ihrem zweiten Achillessehnenriss. „Ich wollte so gerne spielen, aber ich hatte mir alles gerissen, was man sich reißen kann“, sagt Neubauer rückblickend. Der Alltag mit ihren beiden Söhnen, geboren 2014 und 2016, zwang sie endgültig zum Umdenken: „Es wurde für mich immer schwieriger, mit meinen Söhnen sportliche Aktivitäten zu machen, weil ich danach immer enorme Schmerzen hatte.“ Ihr wurde klar, dass nach der Karriere noch ein „längeres und wertvolles“ Leben wartete.
Eine zweite Karriere im Rollstuhlbasketball
Was wie das Ende einer Laufbahn aussah, wurde zum Anfang eines neuen Kapitels: Rollstuhlbasketball. Ihre ersten Versuche bei ALBA Berlin beschreibt sie als ungewohnt und lustig. „Ich konnte den Stuhl überhaupt nicht kontrollieren“, sagt Neubauer lachend. Doch sie fand Gefallen an den gemischten Teams und der neuen Herausforderung. Während ihr das Werfen dank ihrer Vorerfahrung leichtfiel, musste sie den Umgang mit dem Sportgerät mühsam erlernen.
2023 wurde aus dem Hobby wieder Ernst: In einem Lehrgang mit der Nationalmannschaft spürte Neubauer, dass in ihr mehr steckt, als sie im Vereinsalltag bei Berlin zeigen kann. „Ich konnte mit mehr Ehrgeiz spielen und noch mehr herausholen“, sagt sie. „Es nochmal in die Nationalmannschaft schaffen zu können, war ein großer Anreiz für mich.“ Ihr Ehrgeiz war zurück, genauso wie ihre impulsive Spielweise – unabhängig von ihrem Alter. „Jeder möchte erfolgreich sein und Medaillen gewinnen, aber der Weg dorthin ist anstrengend“, betont Neubauer. „Diesen Weg mit fast 42 Jahren erneut zu gehen, war absolut schwer. Aber nur so habe ich am Ende den Spaß.“
Nächster Halt: Weltmeisterschaft in Ottawa
Geht es um die anstehende WM, spricht Neubauer bewusst nicht von Medaillen, sondern dem realistischen Ziel: eine Platzierung unter den besten acht Teams, um auch die Förderung zu sichern. Die deutsche Nationalmannschaft befinde sich derzeit in einem Umbruch und verarbeite eine neue Trainerphilosophie, ein neues Mannschaftsgefüge und neue Klassifizierungen. Für Neubauer steht fest: „Wir gehen da als Underdogs rein. Wir haben keinen Druck und können frei aufspielen. Wer weiß, was passiert.“
Ihre beiden Söhne reisen mit nach Ottawa – nicht nur, um am 15. September mit ihrer Mutter Geburtstag feiern zu können. „Ich möchte, dass sie sehen, worauf ich hinarbeite“, sagt Neubauer. „Durch den Sport lernen sie Durchhaltevermögen, Routinen entwickeln, Ehrgeiz und ganz viel Selbstvertrauen.“ Diese Werte hätten sie über Jahre voller Rückschläge geprägt. Wie sie das alles unter einen Hut bekommt, weiß sie manchmal selbst nicht. Aber sie ist sich sicher: „Mutter sein ist anstrengend, aber im gleichen Sinne entlohnend.“
Neben dem Leistungssport hat die Berlinerin kürzlich ihre Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin abgeschlossen und beginnt im Oktober ein duales Bachelorstudium in Sozialer Arbeit und Management. Es ist nicht ihr erster beruflicher Umweg: Erst kam das Studium der Grundschul-Pädagogik in den USA, dann ein Tagesmutterschein, eine Ausbildung zur medizinischen Bademeisterin und Masseurin, eine weitere Ausbildung zur Synchronsprecherin und jetzt das duale Studium. Ihr Motto dazu lautet „Never not learning.“ Beruflich sei sie noch nicht angekommen, privat aber schon. Halt geben ihr insbesondere ihre Freundschaften aus über 30 Jahren sowie ihre Rollstuhlbasketball-Mitspielerin Charmaine Callahan, die zugleich Patin ihrer Kinder ist.
Bis Los Angeles 2028 will Roli-Ann Neubauer auf jeden Fall weiterspielen – dann hätte sie mit EM, WM und Paralympics alle großen Turniere ihrer zweiten Karriere erreicht. Was danach kommt, lässt sie noch offen. Nur eines steht für sie fest: „Es gibt immer einen Weg, es gibt immer eine Lösung. Auch wenn es scheiße läuft und aussichtslos erscheint, aufgeben ist nie eine Option.“
Hier geht's zum Vorbericht zur Rollstuhlbasketball-WM samt der deutschen Aufgebote.
Text: Monja Nagel / DBS
