Aktuelles vom Para Radsport im Deutschen Behindertensportverband
Para Radsport: Sechs Medaillen und gemischte Gefühle
Schlag auf Schlag geht es in dieser Saison bei der deutschen Para Radsport-Nationalmannschaft: Bei den direkt aufeinanderfolgenden Weltcups im belgischen Gistel (28. April bis 1. Mai) und in den Abruzzen (Italien, 7. bis 10. Mai) glänzten vor allem die Frauen: Marie Quellhorst (Gold im Zeitfahren), Angelika Dreock-Käser (Gold Zeitfahren, Bronze Straße) sowie Vanessa Laws und das Tandem Anja Renner mit Pilotin Antonia Milowsky (jeweils Bronze Zeitfahren) sorgten für die Medaillen-Highlights. Neben zahlreichen vierten Plätzen trübten einige Stürze die Stimmung.
Unter extrem windigen Bedingungen ging das deutsche Team beim Weltcup in Belgien auf die Strecke. Dank der beiden Goldmedaillen durch Marie Quellhorst und Angelika Dreock-Käser ging die deutsche Delegation zum Weltcup-Auftakt nicht ganz leer aus, doch Pech war auch im Spiel: Fünf vierte Plätze zeigten, dass die Mannschaft von Bundestrainer Gregor Lang vorne dran ist, letztlich aber das entscheidende Quäntchen für absolute Spitzenplätze fehlte.
Wenige Tage später setzte Marie Quellhorst (C3) mit Gold im Zeitfahren in den italienischen Abruzzen erneut ein Ausrufezeichen und bestätigte ihre starke Entwicklung. „Mein Highlight war das Einzelzeitfahren in Italien, weil ich das neue Zeitfahrrad im Rennen getestet habe und dann deutlich besser als in der Aeroposition fahren konnte als in Belgien. Ich bin sehr zufrieden, weil ich bei jedem der vier Rennen gezeigt habe, dass ich bei der WM dabei sein sollte“, sagte die 27-jährige Quellhorst. „Meine erste EM steht in vier Wochen an. Ich freue mich selbstverständlich schon und hoffe, dass ich wieder zeigen kann, was ich draufhabe.“ Mit drei weiteren Bronzemedaillen durch Angelika Dreock-Käser im Straßenrennen der Dreiradfahrerinnen, Vanessa Laws (C4) im Zeitfahren sowie durch das Tandem Anja Renner mit Pilotin Antonia Milowsky im Zeitfahren sprangen beim Weltcup-Abschluss in Italien insgesamt vier Edelmetalle heraus. Drei vierte Plätze musste der Bundestrainer auch in den Abruzzen hinnehmen – zwei davon steuerte Handbiker Manuel Scheichl (H2) bei.
Gregor Lang sagte: „In Belgien waren alle noch recht nervös. Es war das erste Kräftemessen des Jahres mit der internationalen Konkurrenz. Es ging auch darum, den Kaderstatus zu erhalten und sich für die Weltmeisterschaften im September zu qualifizieren.“ Auch in Sachen Renntaktik sah Lang noch reichlich Luft nach oben: „Die Frauen haben das super gemacht. Dass es kein männlicher Athlet aufs Podium geschafft hat und wir gleichzeitig viele vierte Plätze hinnehmen mussten, ist für mich etwas ärgerlich. Es spricht aber für die Stärke der Konkurrenz und zeigt gleichzeitig, dass uns nicht viel fehlt.“
Für eine positive Überraschung sorgte der Einzelfahrer („Independent“) Daniel Ulmann. Der 35-Jährige wurde im Zeitfahren der H3-Konkurrenz Vierter und belegte Rang fünf im Straßenrennen. Ulmann machte seiner Freude Luft: „Dieser vierte Platz bedeutet mir unglaublich viel. Er gibt mir zurück, was ich im letzten Jahr investiert habe. Im Straßenrennen konnte ich mit einem fünften Platz nachlegen.“ Bundestrainer Lang bestätigte den positiven Eindruck: „Wir hatten Daniel schon eine Zeit lang auf dem Radar. Er war in Belgien der Erste, der die Qualifikation geschafft hat und damit das EM- und WM-Ticket lösen konnte.“ Aus renntaktischen Gründen sei es zudem wertvoll, neben Johannes Herter und Johannes Hänle einen dritten Fahrer in der stark besetzten H3-Klasse einsetzen zu können.
Weitere Top-5-Platzierungen und damit die direkte Qualifikation für die WM in den USA (4. bis 7. September) folgten in Belgien: Quellhorst fuhr im Straßenrennen auf Rang vier, Handbiker Herter (H3) wurde ebenfalls Vierter im Straßenrennen seiner Klasse. Zweiradfahrer Michael Teuber (C1) gelang in seiner 29. Saison als Profi im Zeitfahren ein starker vierter Platz. Er landete gleich vor seinem Teamkollegen Pierre Senska (Platz fünf). Das Tandem Leonie Walter/Corinna Lechner belegte Rang vier im Straßenrennen, während Dreiradfahrerin Jana Majunke Fünfte wurde. Zudem gelang Dreiradfahrer Maximilian Jäger (T2) im Zeitfahren Platz vier und Rang fünf im Straßenrennen. „Wir hatten mit extrem starkem Seitenwind und Böen mit bis zu 50 km/h zu kämpfen. Daher bin ich sehr zufrieden mit meinen Rennen“, sagte der 26-jährige Dreiradfahrer, der nur Tage später in Italien für den ersten von mehreren Stürzen sorgte.
Stürze auf glatter Fahrbahn in Pescara
Überschattet wurde das Wochenende in Pescara von mehreren Stürzen auf glatter Fahrbahn. Während Maximilian Jäger trotz Sturz als Siebter ins Ziel kam, mussten Matthias Schindler und das Tandem Renner/Milowsky ihre Rennen vorzeitig beenden. Für Schindler (C3) ist das besonders bitter, weil ihm die offizielle WM-Qualifikation vorerst fehlt. Anja Renner, die neben dem Para Triathlon seit einem Jahr auch auf dem Tandem im Para Radsport von sich reden macht, dürfte ebenfalls mit gemischten Gefühlen auf die Weltcups blicken. Nach den Plätzen sechs und neun in Belgien arbeiteten Renner und Pilotin Antonia Milowsky an ihrer Sitzposition, der Aerodynamik und dem Rhythmus – mit Erfolg. In Italien holten sie einen Tag vor ihrem Sturz Zeitfahr-Bronze und schafften damit die WM-Qualifikation.
Von einem Trainingssturz in Pescara ließ sich Marie Quellhorst nicht beirren. Im Zeitfahren lagen nach der ersten Runde fünf C3-Athletinnen innerhalb einer Sekunde und damit nahezu gleichauf. Quellhorst konnte jedoch noch mal zulegen und fuhr mit 1,16 Sekunden Vorsprung zu Gold. Um Gesamtweltcupsiege ist das Team nicht mitgefahren, weil es den Auftakt in Thailand ausgelassen hatte. „In Italien war die Stimmung gelöster, aber taktisch ist die Konkurrenz aktuell noch fitter. Das wollen wir bei der EM besser machen“, sagte Bundestrainer Lang. Ein Sonderlob formulierte er für die 59-jährige Routinierin Dreock-Käser: „Angelika war bei beiden Weltcups ein Lichtblick. Trotz des schwierigen Windes hat sie in Belgien Mut und Durchhaltevermögen bewiesen. Nachdem sie dann in Italien im Zeitfahren Vierte wurde, hat sie eine starke Reaktion gezeigt und im Straßenrennen als Dritte alles reingelegt – eine vorbildliche Einstellung.“
Die C1-Athleten Michael Teuber und Pierre Senska fuhren im Zeitfahren auf die Ränge fünf und sechs, konnten das Straßenrennen jedoch aufgrund technischer Defekte nicht beenden. Weitere Top-Platzierungen steuerte Vanessa Laws (C4) bei, die in Italien Bronze im Zeitfahren holte, nachdem sie in Belgien krankheitsbedingt noch gefehlt hatte.
Die nächste Station ist erneut in Italien: Denn der Fokus richtet sich nun auf die EM in Maniago (9. bis 14. Juni). Bundestrainer Lang plant mit 12 bis 15 Athlet*innen: „Wir kennen den Kurs von früheren Weltcups und werden dort befreiter auffahren. Höhenmeter und Kurven verlangen eine gute Technik. Das ist erfrischend nach den flachen Strecken zuletzt. Wir werden Gas geben.“
Text: Jessica Balleer / DBS
