Aktuelles vom Para Radsport im Deutschen Behindertensportverband
Marie Quellhorst: „Ich habe meine Leidenschaft gefunden“
Vom Kugelstoßen in die Weltspitze des Para Radsports: Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren hat Marie Quellhorst internationale Erfolge auf Weltklasse-Niveau eingefahren – und mit dem Radfahren eine Leidenschaft entdeckt, die ihr schon früher half, emotionalen Stress abzubauen. Jetzt reist die 27‑Jährige aus Göttingen als Mitfavoritin auf den WM-Titel nach Huntsville (USA).
Marie Quellhorst bittet ein paar Stunden vor dem vereinbarten Interviewtermin darum, das Gespräch um ein paar Stunden nach hinten zu verlegen. Sie wolle eine kurze Regenpause in Göttingen nutzen, um die Trainingseinheit des Tages zu absolvieren. „Heute haben die Beine wieder das getan, was sie sollen“, sagt sie später zufrieden. Die WM-Vorbereitungswochen hatten auch wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht nur seelische, sondern auch körperliche Spuren hinterlassen. Doch Quellhorst hat sich in Form gebracht für die Para Radsport-WM.
Die 27-Jährige wechselte erst 2024 in den Para Radsport. Zuvor war sie in der Para Leichtathletik aktiv, im Kugelstoßen – eine Disziplin, die ihr laut eigener Aussage aber nie wirklich sportliche Erfüllung brachte. Ein Motorradunfall im Jahr 2015 hatte sie zum Para Sport gebracht. „Ich mochte es, mich wieder mit anderen zu messen und mich zu verbessern“, sagt Quellhorst. Es war ein Teamkollege aus dem Kugelstoßen, der den entscheidenden Impuls gab: Er stellte den Kontakt zum BPRSV Cottbus her – Paralympischer Stützpunkt und Talentschmiede für vielversprechende Para Radsport-Athlet*innen.
2024 stieg sie zum ersten Mal mit leistungssportlichen Ambitionen aufs Rennrad. „Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich für den Sport eine echte Leidenschaft habe“, sagt sie. Sie kam zum Probetraining nach Cottbus, wo Marcel Berger, mittlerweile Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, ihre erste Kontaktperson war. „Marie hat sofort einen bodenständigen, sympathischen Eindruck gemacht. Auf der gemeinsamen Ausfahrt konnte ich schon sehen, dass sie eine gute Position auf dem Rad und eine starke Rumpfmuskulatur hat.“ Berger beschreibt Quellhorst als „extrem lernstark, mit Trainingsfleiß und einer guten Portion Zielstrebigkeit“. Die Einheiten absolviere sie stets zuverlässig. Ihre Entwicklung vom ersten Trainingstag bis heute bezeichnet er als „außerordentlich“. Quellhorst selbst zieht aus dem Radsport weit mehr als Bestätigung und sportlichen Erfolg: „Ich gehe trainieren und bin ausgeglichener. Beim Radfahren kann ich viele Dinge mit mir selbst ausmachen.“
„Mein WM-Traum ist es, das Regenbogentrikot mit nach Hause zu nehmen“
Ihre Erfolge kamen früh und unverhofft. Beim WM-Debüt 2025 im belgischen Ronse gewann sie Silber im Zeitfahren und belegte Platz vier im Straßenrennen. Auf diese Überraschungserfolge ließ sie 2026 EM-Gold folgen. Innerhalb von anderthalb Jahren war aus der Quereinsteigerin eine international zu beachtende, erfolgreiche Athletin geworden. Zur anstehenden Straßen-WM in Huntsville (4. bis 7. September) reist sie nun als Mitfavoritin auf den Titel in der C3-Klasse. „Mein WM-Traum ist es natürlich, ganz oben auf dem Podium zu stehen und das Regenbogentrikot mit nach Hause nach Göttingen zu nehmen. Ich weiß aber auch, wie stark die Konkurrenz in den Top Fünf ist.“
Als Ingenieurin und Medizintechnikerin denkt sie den Sport durchaus auch technisch. Für ihr Zeitfahrrad entwickelte sie gemeinsam mit den Trainern und Mechanikern eine Orthese, um die gelähmte Hand besser zu fixieren. Für das Straßenrad gebe es auch noch Potenzial in Sachen Aerodynamik, sagt die. „Das steht auf meiner To-Do-Liste für den Winter.“
Im deutschen Nationalteam profitiert sie besonders von der Mischung aus erfahrenen Athlet*innen und der Aufbruchstimmung, die die Jüngeren mitbringen. Teamkollegin Vanessa Laws (22) sei für sie eine der wichtigsten Bezugspersonen. „Vanessa und ich helfen uns gegenseitig und machen uns keinen allzu großen Kopf um andere Dinge. Wir haben auch viel Spaß, wenn wir uns bei Wettkämpfen ein Zimmer teilen. Das hat bisher auch Glück gebracht.“
Die Hitze in Huntsville dürfte bei der WM zur Herausforderung werden. Schon beim Warmfahren werden sie und die anderen Athlet*innen Kühlakkus in den Nacken und ins Trikot legen, dazu Ventilatoren und Kühlwesten gestellt bekommen. Nicht unbedingt von Vorteil für Quellhorst ist das mit rund 15 Kilometern recht kurze Zeitfahren. „Das ist nicht meine Stärke. Ich komme eher über die Distanz“, sagt sie. Die besten Fünf werden ihrer Prognose nach eng beieinander liegen, ein Podestplatz ist dennoch ihr Ziel.
Bundestrainer Gregor Lang sieht sie als eine der größten deutschen Medaillenhoffnungen. „Marie ist nicht nur fleißig, sie hat auch eine ausgeprägte Trainingsintelligenz. Ich möchte keinen Druck aufbauen, weil wir es nicht erwarten. Aber ich traue ihr zu, dass sie um den WM‑Titel mitfahren kann.“ Huntsville wird ihre zweite WM sein. Und doch wirkt Marie Quellhorst, als sei sie längst angekommen – als Athletin, als Ingenieurin, als Teil einer neuen Generation im deutschen Para Radsport.
Hier geht's zum Vorbericht zur Para Radsport-WM.
Text: Jessica Balleer / DBS
