Aktuelles vom Para Dressursport
Helen Brandt: Debüt auf der ganz großen Bühne
„Meine Championats-Premiere bei der Heim-WM quasi vor der Haustür? Besser hätte es gar nicht laufen können“, freut sich Para Dressurreiterin Helen Brandt mit Blick auf die Weltmeisterschaften in Aachen (19. bis 23. August). Für die 28-jährige Medizinstudentin sind die Titelkämpfe am traditionsreichen Reitsportstandort ein besonderer Meilenstein auf ihrem sportlichen Weg, nachdem sie sich nach einer Autoimmunerkrankung zurück in den Leistungssport gekämpft hat.
Schon früh spielte der Sport eine wichtige Rolle im Leben von Helen Brandt. Neben dem Reiten entdeckte die Dortmunderin auch ihre Leidenschaft für den Tennissport. Als sie sowohl im Reiten als auch im Tennis einen Kaderplatz erreichte, musste sie sich als Jugendliche schließlich für eine Sportart entscheiden – die Wahl fiel auf den Reitsport.
Auch beruflich hatte Helen Brandt schon früh einen klaren Weg vor Augen. Als Tochter einer Ärztin und eines Arzts entstand der Wunsch, selbst Medizin zu studieren, bereits in jungen Jahren. Zwar träumte sie als Jugendliche zeitweise von einer Karriere als Berufsreiterin, doch im Alter von 18 Jahren war es eine Stoffwechselerkrankung in Verbindung mit einem langen Krankenhausaufenthalt, die sie wieder zurück zur Medizin brachte. Nach dem Abitur absolvierte Brandt eine Ausbildung zur Krankenschwester und spätestens danach war ihr klar: „Ich möchte Medizin studieren und das Reiten soll meine größte Leidenschaft bleiben.“
Mit 21 Jahren rückt jedoch erneut die eigene Gesundheit in den Mittelpunkt. Eine Autoimmunerkrankung, die das Nervensystem angreift, macht sich zunächst durch Kribbeln und Taubheitsgefühle in den Beinen bemerkbar. In der Folge kam es zu Lähmungen, zeitweise war Helen Brandt auf einen Rollstuhl angewiesen. Gemeinsam mit Familie, Freund*innen und ihrem Umfeld kämpfte sie sich Schritt für Schritt zurück. Heute ist ihr linkes Bein unterhalb des Knies vollständig gelähmt, zudem haben das linke Becken und der linke Oberschenkel rund 70 Prozent ihrer Kraft verloren. Auch im rechten Bein sind Kraft und Empfinden eingeschränkt. Für eine Dressurreiterin stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Gerade im Dressursport spielen Gewichtsverlagerungen und die präzise Einwirkung der Beine auf das Pferd eine zentrale Rolle. Dennoch gelang ihr die Rückkehr in den Leistungssport.
„Allein die Teilnahme an der WM ist für mich ein Highlight.“
Inzwischen gehören Helen Brandt und ihr Pferd Vulkan Vegas IB, genannt „Willi“, zur deutschen Para Dressursport-Nationalmannschaft und stehen in diesen Tagen vor einem besonderen Höhepunkt ihrer Karriere: den Weltmeisterschaften in Aachen. Dass die größte Bühne des Pferdsports auch das Brandts Debüt auf einem internationalen Championat sein wird, ist außergewöhnlich. „Auf der einen Seite motiviert mich das enorm, aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch etwas einschüchternd, in dieser Kulisse mein erstes Championat zu reiten“, sagt Brandt. Sie freut sich auf die Herausforderung und möchte diese Erfahrung vor allem genießen: „Allein die Teilnahme an der WM ist für mich ein Highlight und ich hätte noch zu Beginn dieser Saison niemals damit gerechnet.“ Dass Brandt und „Willi“ dennoch das Vertrauen der Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer genießen, liegt vor allem an ihrer konstant starken Entwicklung als Team. „Helen und ihr Pferd sind ein tolles Paar, das sehr gut miteinander harmoniert. Das hat sich auch in den Ergebnissen widergespiegelt, sodass für uns schnell klar war, dass die beiden eine vielversprechende Option für die WM sind,“ erklärt die Bundestrainerin.
Schon die Eröffnungsfeier der Weltmeisterschaften zählt für Brandt zu den ganz besonderen Erlebnissen ihrer bisherigen Karriere. Gemeinsam mit den anderen Nationen und Sportarten zog das deutsche Team, mit und ohne Behinderung, in das Stadion ein – ein Moment, den Helen Brandt so schnell nicht vergessen wird: „Das Gefühl kann man gar nicht beschreiben. Dieser Moment, in dem man langsam realisiert, dass man das wirklich geschafft hat und bei der WM an den Start gehen darf – das ist unglaublich.“ Wirklich real wird dieser Traum wohl aber erst, wenn sie gemeinsam mit ihrem Pferd Willi ins Viereck einreitet.
Dass die Weltmeisterschaften in Aachen nahezu vor ihrer Haustür stattfinden, macht das Ereignis für die 28-Jährige vom RFZ Bochum-Nord zusätzlich einmalig. Familie, Freund*innen und die Stallgemeinschaft werden sie vor Ort unterstützen. Gleichzeitig blickt Helen Brandt mit realistischen Erwartungen auf das Turnier. Im Vordergrund steht für sie, wichtige Erfahrungen auf internationalem Niveau zu sammeln und mit der eigenen Leistung zufrieden zu sein: „Wenn ich das schaffe, kann ich auch erfolgreich sein.“ Neben der Einzelprüfung und der Kür gilt dies insbesondere für die Teamwertung, hier ist eine Medaille das große Ziel des deutschen Teams – und damit verbunden die Qualifikation für die Paralympics.
Paralympics 2028? „Das wäre der absolute Traum“
Auch über die Weltmeisterschaft hinaus hat Helen Brandt sportliche Ziele. Nach der Heim-WM stehen zunächst die Europameisterschaften 2027 im Fokus. Langfristig richtet sich der Blick auf die Paralympischen Spiele 2028 in Los Angeles. „2028 zu den Paralympics zu fliegen, ist natürlich der absolute Traum“, verrät sie. Bei allen sportlichen Ambitionen stehen für Brandt jedoch die Gesundheit von Pferd und Reiterin sowie die weitere gemeinsame Entwicklung im Vordergrund. Denn nur so, ist sie überzeugt, lassen sich langfristig Erfolge erzielen.
Hier geht's zum Vorbericht über die Para Dressursport-WM in Aachen.
