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29.09.2025

Para Leichtathletik-WM: Léon Schäfer springt zur ersten deutschen Medaille

Léon Schäfer jubelt über WM-Silber © Tom Weller / DBS
Léon Schäfer © Tom Weller / DBS

WM-Silber gewonnen, zwei Mal Bestweite gesprungen: Titelverteidiger Léon Schäfer hat im Weitsprung der Klasse T63 bei der Para Leichtathletik-WM im Indiens Hauptstadt Neu-Delhi die erste deutsche Medaille gewonnen. Nun kämpft der Athlet des TSV Bayer 04 Leverkusen um den Erhalt des attraktiven Wettbewerbs, der für die Paralympics 2028 in Los Angeles aus dem Programm gestrichen wurde.

7,15 Meter im ersten Versuch deuteten direkt an, was Léon Schäfer in Neu-Delhi vorhatte: Er wollte Paralympicssieger Joel de Jong aus den Niederlanden nicht nur ärgern, er wollte gewinnen. Schließlich hatte Schäfer seit 2019 drei Mal in Folge die WM gewonnen, war bis vor etwas mehr als einem Jahr Weltrekordhalter und der erste oberschenkelamputierte Weitspringer, der je über sieben Meter gesprungen war. Bis de Jong im vergangenen Jahr ausgerechnet in Leverkusen an ihm vorbeiflog und Schäfer durch eine technische Änderung so verunsicherte, dass er als Weltmeister bei den Paralympics nur Vierter wurde.

Als de Jong im ersten Versuch direkt 7,57 Meter sprang, blieb Schäfer cool – so wie der 28-Jährige es vor den Paralympics auch immer gehandhabt hatte. Mit 7,38 Meter sprang er im vierten Versuch mit persönlicher Bestweite auf Rang zwei vor, im letzten Versuch musste er lange zittern, bis die Weite angezeigt wurde – 7,45 Meter reichten zwar nicht für Gold, waren aber die zweite Verbesserung der eigenen Bestleistung, die vorher bei 7,25 Metern stand. „Ich hätte gerne gewonnen, das kann ich nicht leugnen. Ich komme hier nicht hin, um Zweiter zu werden“, sagte Schäfer, der von Erik Schneider trainiert wird: „Aber ich habe eine geile Serie hingelegt, bin zweimal persönliche Bestleistung gesprungen, deshalb ist alles okay. Zufriedenheit verschaffen mir vor allem die Bestleistung und die Tatsache, dass ich sie ohne Brett gesprungen bin. Das heißt, wir können da noch mal 20 Zentimeter draufrechnen. Ich weiß, dass da noch sehr viel Luft nach oben ist. Ich weiß das schon seit Jahren und es ist geil, das endlich mal in der Competition zu zeigen.“

Immer weiter zu springen, das ist Schäfers größter Ansporn: „Ich weiß nicht, wie weit es geht. Ich mache das seit 14 Jahren, um herauszufinden, was ist als Oberschenkelamputierter für mich persönlich möglich? 2020 bin ich erstmals über sieben Meter gesprungen, jetzt turnen wir bei siebeneinhalb rum, es geht in Richtung acht Meter. Es ziehen immer mehr nach, wir sind einfach sehr, sehr krass. Ich bin stolz darauf, dass ich uns diese Türen geöffnet habe – aber ich bin jetzt auf jeden Fall bereit, weiter zu graben und weitere Türen zu öffnen.“

Ob Schäfer das in Zukunft auf der großen Bühne kann, ist momentan jedoch fraglich. Für die Paralympics 2028 in Los Angeles wurde der Weitsprung der oberschenkelamputierten Männer nicht in das Programm mit den 164 Wettbewerben aufgenommen, was angesichts von 13 Teilnehmern und der hohen Attraktivität des Wettkampfs – vier Leute sprangen über sieben Meter, selbst der Paralympics-Dritte verpasste in Neu-Delhi um einen Zentimeter den Endkampf der besten Acht – für viele unverständlich ist. „Wir springen solche krassen Weiten, wir bringen solche krassen Wettkämpfe ins Stadion. Diese Entscheidung wurde getroffen ohne wirkliche Begründung und ohne vernünftig miteinander zu kommunizieren. Wir wurden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagte Schäfer: „Es war nie ein Thema, dass unser Wettkampf rausfällt für LA. Dann kommt das Programm raus und wir sind nicht drin. Ich kann es nach wie vor nicht verstehen. Aber wir werden uns alle zusammen stark machen und alles dransetzen, dass diese Entscheidung rückgängig gemacht wird.“

Am Sonntag hat Schäfer in Neu-Delhi noch eine zweite Medaillenchance: Dann möchte der Doppel-Weltmeister von Kobe 2025 seinen Titel über 100 Meter verteidigen. Ansonsten war es ein Tag der vierten Plätze: Erst fehlten Katrin Müller-Rottgardt im Weitsprung nur acht Zentimeter zu Bronze, kurz darauf bei Yannis Fischer waren es 24 Zentimeter, die er für eine Medaille weiter hätte stoßen müssen und am Abend landete Francés Herrmann im Speerwurf ebenfalls auf Rang vier. 400-Meter-Spezialist Max Marzillier sprintete am Vormittag mit der sechstbesten Zeit ins 100-Meter-Finale. Das gelang auch Johannes Floors und Felix Streng, die beide ihre Vorläufe gewannen – Floors in 10,69 Sekunden als Schnellster, Streng in 10,79 Sekunden zeitgleich mit dem zweitschnellsten Paralympicssieger Sherman Guity Guity aus Costa Rica.

Beide dürften am Dienstagnachmittag deutscher Zeit beste Medaillenchancen haben, genau wie Kugelstoßer Niko Kappel in der Morning Session. Zudem ist morgens Weitspringer Andreas Walser dran, am Nachmittag stehen außer Floors und Streng die Entscheidungen für Charleen Kosche im Kugelstoßen und Max Marzillier über 100 Meter an.

Weitere Stimmen aus dem deutschen Team:

Katrin Müller-Rottgardt, 4. Platz, Weitsprung T12, 5,09 Meter: „Die Serie war ganz gut, natürlich hat der Ausreißer gefehlt. Wenn ich in Richtung Saisonbestleistung gesprungen wäre – Bronze war nicht weit weg und Silber wäre auch möglich gewesen – hätte es auch eine Medaille werden können. Da es nicht meine Hauptdisziplin ist und ich darauf nur ausgewichen bin, weil ich aktuell keinen Guide habe, bin ich zufrieden, zumal Platz 4 seit Jahren meine beste Platzierung im Weitsprung ist.“

Yannis Fischer, 4. Platz, Kugelstoßen F40, 10,63 Meter: „Direkt nach dem Wettkampf ist es ärgerlich, wie letztes Jahr bei der WM Vierter zu sein. Dieses Jahr war es knapper, es hätten nur 23 Zentimeter gefehlt. Ich dachte, dass ich das noch aus mir rausholen kann, aber am Ende habe ich es leider doch nicht geschafft. Ich gehe mit gemischten Gefühlen raus, ich hätte mega gerne Bronze geholt.“

Francés Herrmann, 4. Platz, Speerwurf F34, 17,91 Meter: „Ich bin nah an meiner Bestleistung gewesen. Ich wollte mich weiter verbessern, aber dennoch bin ich ziemlich nah dran. Ich habe mir einen Ausreißer nach oben gewünscht, ganz klar. Die Bedingungen waren gut, sodass es daran nicht gelegen haben kann. Das ganze Team stand hinter mir, was mich besonders gefreut hat und mir ein großes Gefühl von Sicherheit gegeben hat, das war auch toll.“

Jule Roß, 7. Platz, 100 Meter T46, 12,58 Sekunden: „Ich bin sehr happy, dass ich gestern mit persönlicher Bestleistung ins Finale eingezogen bin und heute habe ich es genossen, hier noch mal zu starten. Die Atmosphäre ist cool, natürlich hätte ich gerne noch mal einen Tick drauf gelegt, aber ich bin trotzdem sehr fein mit der Zeit und freue mich auf die 400 Meter übermorgen.“

Weitere Informationen sowie Ergebnisse der Para Leichtathletik-WM gibt es auf World Para Athletics.

Text: Nico Feißt / DBS


Das deutsche Aufgebot für die deutsche Para Leichtathletik-WM in Neu Delhi (Indien):

Lindy Ave (27 / Neubrandenburg / Leichtathletik inklusiv Greifswald), Marcel Böttger (32 / Kassel / LG Olympia Dortmund), Friederike Brose (18 / Spremberg / BPRSV), Laura Burbulla (20 / Wolfsburg / VfL Wolfsburg), Yannis Fischer (23 / Singen / VfB Stuttgart), Johannes Floors (30 / Bissendorf / TSV Bayer 04 Leverkusen), Francés Herrmann (36 / Cottbus / BPRSV), Niko Kappel (30 / Schwäbisch-Gmünd / VfB Stuttgart), Alexander Kosenkow (Guide von Marcel Böttger; 48 / Tokmak (Kirgistan) / LG Olympia Dortmund), Charleen Kosche (24 / Rheinfelden / BPRSV), Felix Krüsemann (24 / Berlin / RSV Eintracht Stahnsdorf), Lisa Martin Wagner (32 / Bielefeld / BPRSV), Max Marzillier (24 / Rüdersdorf / BPRSV), Katrin Müller-Rottgardt (43 / Duisburg / TV Wattenscheid 01), Lise Petersen (20 / Heide / TSV Bayer 04 Leverkusen), Markus Rehm (37 / Göppingen / TSV Bayer 04 Leverkusen), Jule Roß (19 / Bergisch Gladbach / TSV Bayer 04 Leverkusen), Léon Schäfer (28 / Burgwedel / TSV Bayer 04 Leverkusen), Felix Streng (30 / La Paz/Bolivien / Sprintteam Wetzlar), Kim Vaske (20 / Steinfurt / TSV Bayer 04 Leverkusen), Andreas Walser (29 / Augsburg / LG Augsburg)

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