„Die meiste Arbeit geschieht bei uns im Training“ – Interview mit Guide Alexander Kosenkow
Alexander Kosenkow war zunächst ein äußerst erfolgreicher 100 und 200 Meter Sprinter. Seit 2001 nahm er an fünf Europa- und sechs Weltmeisterschaften in der Leichtathletik teil. Mit der Staffel gewann er dabei jeweils zwei Mal Bronze und Silber. 2018 wechselte er als Guide in den Para Sport und begleitete zunächst Kathrin Müller-Rottgardt für ein Jahr, mit der er prompt Europameister wurde. Seit 2019 ist er Guide von Marcel Böttger, bei der WM in Neu-Delhi (Indien) in diesem Jahr verpassten sie das Podium als Vierte nur knapp.
DBS: Was ist deine Aufgabe als Guide?
Kosenkow: Im Wettkampf begleite ich meinen Athleten beim Sprint auf der Bahn. Darüber hinaus gibt es aber auch Situationen am Sportplatz oder im Trainingslager, wo ich Hilfestellungen leiste, wenn es nötig wird, wie etwa beim Buffet.
DBS: Eure Disziplin ist der 100 Meter Sprint und damit eine sehr kurze Strecke. Ist da ein Fehler im Zusammenspiel zwischen Athlet und Guide noch entscheidender als bei anderen Para Sportarten?
Kosenkow: Auf jeden Fall. Der Sprint unterscheidet sich da doch etwas. Zum einen weil es nur geradeaus geht und man nicht um Kurven laufen muss oder sonstiges. Da sind also weniger Ansagen nötig. Die meiste Arbeit geschieht bei uns im Training, im Wettkampf müssen dann die eintrainierten Automatismen und Instinkte funktionieren. Wenn ich da beispielsweise den Athlet zu sehr an mich ranziehen möchte, kann er überreagieren und das zu einer kleinen Katastrophe führen. Zum Glück hat Marcel ein super Körpergefühl und kann auch ohne meine Hilfe schon sehr geradlinig laufen.
DBS: Du warst lange als olympischer Sprinter sehr erfolgreich und stellst auch jetzt noch Rekorde in deiner Altersklasse auf. Hast du zurzeit also zwei Karrieren parallel?
Kosenkow: Nein, meine Karriere als olympischer Sprinter habe ich 2018 beendet und konzentriere mich jetzt ganz auf das Guide Dasein. Wenn manchmal Zeit bleibt, mache ich auch einen Lauf alleine am Wochenende, aber das ist eher aus Spaß und zu Trainingszwecken. Ich bin in einem hohen Sprintalter und muss gucken, dass ich weiterhin schnell genug für Marcel bleibe. Wenn der Guide irgendwann genauso so schnell oder sogar langsamer als der Athlet wird, ist das natürlich kontraproduktiv. Da helfen mir die Wettkämpfe ab und zu.
DBS: Wie bist du Guide geworden?
Kosenkow: 2018 war meine Karriere gerade am abklingen. Ich wollte die Saison noch mitnehmen und danach sehr wahrscheinlich aufhören. Da hat mich unser Vereinsmanager gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, der Begleitläufer von Kathrin Müller-Rottgardt zu werden, die gerade einen Guide suchte. Wir waren beide zu der Zeit in Wattenscheid und haben es einfach mal ausprobiert. Das hat auf Anhieb gut funktioniert und Riesenspaß gemacht. Wir waren dann auch sehr erfolgreich und sind im dem Jahr noch Europameister geworden. Leider haben sich unsere Wege dann nach einem Jahr schon getrennt, weil wir physiologisch zu unterschiedlich waren. Mich hat das Guide-Dasein aber gepackt und seit 2019 arbeite ich mit Marcel zusammen und habe dabei total viel Spaß.
DBS: Hast du dabei für dich persönlich etwas rausziehen können, was du in deiner Karriere vorher noch nicht hattest?
Kosenkow: Auf jeden Fall. Man bereitet sich genau so professionell auf eine Saison vor und läuft dann Geschwindigkeiten, die einfach richtig Bock machen. Dazu kommen noch die Erfolge. Wir sind nah dran an der Weltspitze, das ist eine Erfahrung, die konnte ich im olympischen Bereich höchstens in der Staffel machen. Jetzt im Parabereich mit einem Weltklassesprinter wie Marcel zusammenarbeiten macht Riesenspaß und wenn die Erfolge noch dazukommen, dann gleich doppelt.
DBS: Was würdest du sagen waren die bisherigen Highlights in eurer Karriere?
Kosenkow: Also ein ganz großes Highlight war natürlich das Erreichen des Finals bei der WM in diesem Jahr. Da sind wir ganz knapp vorbeigeschrammt an einer Medaille. Zu wissen, dass wir mittlerweile zur absoluten Weltspitze gehören ist ein tolles Gefühl. Daneben waren natürlich die Qualifikationen für zwei Paralympics ein großer Erfolg. Bei so einem großen Event dabei zu sein ist immer ein Highlight.
DBS: Und was sind noch eure Ziele für die nächste Zeit?
Kosenkow: Wenn man jetzt sieht, dass wir bei der WM die zweitschnellsten Europäer waren, ist die erste Medaille bei den Europameisterschaften nächstes Jahr für uns greifbar. Das ist das nächste Ziel, dann kommen die Jahre darauf wieder die WM und daraufhin auch die Paralympics. Wenn wir uns Stück für Stück so weiterentwickeln, dann sind Medaillen auch da nicht unmöglich.
