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Andrea Rothfuss: Der schwierige Weg zu den sechsten Winter-Paralympics
Fast zwei Jahre ist Para Ski alpin-Fahrerin Andrea Rothfuss in keinem Weltcup-Rennen am Start, weil sie mit Depressionen kämpft. In diesem Winter ist die Paralympics-Siegerin von 2014 zurück – und schafft die Qualifikation für ihre sechsten Winterspiele. Die finden dort statt, wo ihre paralympische Karriere begann: Italien.
Turin 2006 mit 16 Jahren, Cortina d’Ampezzo 2026 mit 36 Jahren: Für Andrea Rothfuss schließt sich bei ihrer sechsten Paralympics-Teilnahme ein Kreis, schließlich finden „die Spiele“, wie sie die gebürtige Freudenstädterin nennt, nach 20 Jahren wieder in Italien statt. Mit 14 Paralympics-Medaillen – darunter Slalom-Gold 2014 in Sotschi, als Rothfuss auch Fahnenträgerin des deutschen Teams war – und 31 WM-Medaillen hat sie in der Zeit fast alles gewonnen. Doch die Qualifikation für die Paralympics in Cortina d’Ampezzo war alles andere als sicher.
Nach der Weltcup-Saison 2023/2024 musste die Skifahrerin vom SV Mitteltal, der von Geburt an die linke Hand fehlt, eine längere krankheitsbedingte Pause einlegen. Der Grund: Depressionen, die sich schon die ganze Saison über eingeschlichen hatten. „Im Sommer 2023 hatte ich gesundheitliche Probleme und immer wieder Infekte. Da haben die Depressionen auch angefangen und ich habe gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt“, sagte Rothfuss, die in ihrem Sportlerinnenleben dann vor allem ein Mittel kannte: „Intensiveres Training.“ Doch das habe nicht die erhoffte Leistungssteigerung gebracht, sondern genau das Gegenteil bewirkt – und alles schlimmer gemacht: „Diese Erkenntnis war ein entscheidender Schritt, um den Genesungsweg zu gehen, damit es besser wird. Du musst es selbst erkennen, damit du bereit bist, Hilfe anzunehmen.“
Zunächst kann Rothfuss „fast nichts“ machen, fängt dann eine Therapie an, lässt Frust ab und probiert sich selbst zu verstehen. Als sie nach vier Monaten wieder im Kraftraum mit „kaum Gewicht“ anfangen möchte zu trainieren, „hat es mich komplett aus dem Leben geschossen, so dass ich zwei Tage gar nichts machen konnte.“ Die Konsequenz: Im Sommer 2024 trainiert sie nur reduzierte Umfänge und im folgenden Winter gibt es zwar gute Tage, aber auch viele schlechte, an denen sie mental nicht belastbar ist. „Das waren Schwankungen, die an einen vernünftigen Leistungssport nicht haben denken lassen.“
Ein unerwartet starkes Comeback: Rückkehr aufs Weltcup-Podium
Ihr Fernziel, ihr Traum, bleibt nach der abgesagten Saison dennoch gleich: eine Teilnahme an den Paralympics in Cortina d’Ampezzo. Und „viel wichtiger: Ich wollte bei einem Ski-Wettkampf nochmal oben am Start stehen, mich da richtig fühlen und merken, ich habe das im Griff, habe Spaß und Freude dabei. Ich hatte schließlich absolut keinen Zugriff auf mein Können mehr.“ Das Problem: Nach der verpassten Weltcup-Saison wird sie aus dem Paralympics-Kader gestrichen, ein Teil der Sporthilfe-Förderung entfällt. Und doch ist sie dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) „unendlich dankbar“, dass dieser ihr durch eine Aufnahme in den Ergänzungskader ermöglicht, weiter am Olympiastützpunkt in Stuttgart zu trainieren und Rennen zu bestreiten. Auch in der Spitzensportfördergruppe des Zoll Ski Team darf sie bleiben, beim Weltverband FIS wird sie als verletzt gemeldet und kann nach einem Jahr weiter auf ihre erkämpften Weltcup-Punkte zählen. Nur so waren die Rahmenbedingungen geschaffen, dass die fünfmalige Weltmeisterin sich Mitte Dezember 2025 direkt im Weltcup für die Paralympics qualifizieren konnte.
Zwei Top-5-Platzierungen beim Kräftemessen mit der internationalen Konkurrenz mussten dafür her – und so stand Rothfuss am 19. Dezember 2025 nach 660 Tagen ohne Weltcup-Rennen in St. Moritz in der Schweiz wieder am Start, „so unglaublich nervös wie sonst nur bei Paralympics.“ Platz sieben sprang im Riesenslalom heraus und Rothfuss legte sich nach der Zieleinfahrt fernab des Trubels ganz allein in den Schnee: „Es war sehr, sehr überwältigend. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Und ich wollte mich auch freuen, dass es das wert war, auch wenn es manchmal nicht so gut ausgesehen hat.“ Zwei Tage später wurde es sogar noch besser, weil Rothfuss es im Slalom in St. Moritz auf Platz vier schaffte – die halbe Qualifikations-Norm für Cortina hatte sie damit abgehakt. „Für mich selbst ist allein die Tatsache, diesen Winter wieder Wettkämpfe zu fahren und Gas zu geben so viel wert. Das erreicht zu haben, war vor einem halben Jahr aufgrund der Depressionen noch gar nicht denkbar“, sagte sie einen Monat später beim Heim-Weltcup im Schwarzwald bei einer Medienrunde.
„Der Sport hat mir viel Selbstvertrauen zurückgegeben"
Nach zwei dritten Plätzen im Slalom am Feldberg war die geforderte Norm Ende Januar endgültig erfüllt und Rothfuss freute sich im Zielbereich: „Dass es so schnell funktioniert, hätte ich nicht gedacht.“ Mit Rang drei im Riesenslalom im französischen Méribel und dem zweiten Platz in Veysonnaz in der Schweiz fuhr sie zwei weitere Male aufs Podium und wurde schließlich auch offiziell für ihre sechsten Winter-Paralympics nominiert. Ein großer Erfolg auf der Piste, der von einem immensen Fortschritt abseits des Schnees begleitet wurde: „Ich habe immer darauf gehofft, dass ich es schaffe. Mit der Therapie habe ich wieder mehr zu mir gefunden und mir vertraut. Manchmal wäre weniger mehr gewesen, aber als Sportlerin lernt man vor allem: mehr ist mehr. Vor einem halben Jahr hätte ich nicht so offen darüber reden können. Ich bin stabiler geworden und der Sport hat mir viel Selbstvertrauen zurückgegeben.“
Nun achtet Rothfuss auch viel auf ihre mentale Regeneration und nimmt sich bewusst Freiräume, um den Kopf abzuschalten. Das gelingt ihr am besten beim Lesen, „da kann ich mich in andere Welten flüchten. Wir sind so viel im Trubel unterwegs, Lesen funktioniert dann auch gut allein im stillen Raum, wenn ich nach Hause komme.“ Mit ihren Erfahrungen möchte sie jetzt auch anderen Sportlerinnen und Sportlern etwas zurückgeben, indem sie für das Thema mentale Gesundheit sensibilisiert: „Ich möchte den Verbänden zeigen: Es ist es wert, die Leute nicht fallen zu lassen und sie zu unterstützen. Ich hoffe, dass das in Zukunft auch für andere Athletinnen und Athleten Früchte trägt und ich da vielleicht ein Vorbild sein kann, von dem andere profitieren.“
Text: Nico Feißt / DBS
