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„In der Praxis mehrfach bewährt“: DBS-Exzellenzcluster mit innovativen Impulsen
Anja Renner und Leonie Walter zählen beide zum Aufgebot des deutschen Para Radsport-Nationalteams bei den anstehenden Straßen-Weltmeisterschaften Anfang September in den USA. Beide gewannen bereits paralympische Medaillen – allerdings in anderen Sportarten. Dahinter steckt neben sportlichem Talent und großem Ehrgeiz durchaus ein System: Das Projekt Exzellenzcluster Ausdauer des Deutschen Behindertensportverbandes, das Synergien im paralympischen Spitzensport verfolgt und neue Wege in der Nachwuchsförderung aufzeigt.
Anja Renner jubelte über Bronze bei den Paralympics in Paris im Para Triathlon und übt zwei Sommer-Sportarten parallel aus. Leonie Walter hat mit einmal Gold und sechsmal Bronze im Para Ski nordisch ein prall gefülltes Medaillenkonto im Winter und feiert nun ihre WM-Premiere im Para Radsport. „Wir haben mit dem Exzellenzcluster ein Konzept entwickelt, das sich in der Praxis mehrfach bewährt hat“, berichtet Projektleiter Rainer Kiefer und fügt an: „Insbesondere bei Ausdauersportarten ist das sinnvoll als gutes Trainingsmittel, das neue Impulse setzt und für Abwechslung sorgt. In einigen Fällen hat es sogar schon dazu geführt, dass Athletinnen zwei Sportarten ausüben“, sagt Kiefer. So wie bei Anja Renner oder Leonie Walter. Keine Athletin sei in ihrer Ausgangssportart schlechter geworden, betont Kiefer. „Meist ist das Gegenteil der Fall, man profitiert von den neuen Reizen und dem regelmäßigen Training auf hohem Niveau.“ Zwei-Sportarten-Periodisierung heißt das in der sportwissenschaftlichen Fachsprache. Ein weiteres Beispiel aus einer Nicht-Ausdauersportart ist Maya Fügenschuh. Die 17-Jährige feierte im März noch ihre Paralympics-Premiere im Para Ski alpin und will nun Ende Oktober bei der Bahnrad-Weltmeisterschaft an den Start gehen.
Seit mehr als drei Jahren gibt es das Exzellenzcluster Ausdauer des DBS inzwischen, das aus Projektmitteln des Bundeskanzleramts ermöglicht wird. Dabei wurden nicht nur zahlreiche sportartenübergreifende Trainingslehrgänge im Schwarzwald durchgeführt. Die Para Schwimm-Nationalmannschaft kommt zweimal im Jahr vorbei, die Para Kanuten waren schon vor Ort, Athlet*innen aus der Para Leichtathletik und dem Para Rudern ebenso. Parallel dazu wurden die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen für diesen sportartübergreifenden Ansatz erarbeitet. Entwickelt wurde eine umfangeiche digitale Tabelle, bei der Laien zunächst wenig Durchblick haben. „Vereinfacht geht es darum, welche Behinderungen in den jeweiligen Sportarten überhaupt klassifizierbar sind und welche Sportarten mit welchen Einschränkungen besonders erfolgsversprechend erscheinen. Diese theoretischen Grundlagen bieten schon eine gute Orientierung, in jedem Fall ist zusätzlich eine Einzelfallbetrachtung notwendig“, erklärt Rainer Kiefer. Unterstützend hinzu kommt eine professionelle Leistungsdiagnostik und viel Input aus der Trainingswissenschaft, wenn es darum geht, eine zweite Sportart parallel auszuüben oder auch mal die Sportart zu wechseln, wenn dies größere Erfolgsaussichten verspricht.
Exzellenzcluster: Zwischen Zwei-Sportarten-Periodisierung und Talent-Transfer
Über 30 Sportler*innen hatten in den vergangenen Jahren bereits engeren Austausch mit dem Projekt Exzellenzcluster Ausdauer. Marie Quellhorst ist ein Beispiel für einen gelungenen Sportarten-Wechsel – oder einen dauerhaften Talent-Transfer, wie es Kiefer nennt. Die 27-Jährige war als Kugelstoßerin in der Para Leichtathletik aktiv, liebte aber auch schon immer das Rennradfahren. Quellhorst entschied sich statt der Kugel für den Sattel, wurde 2025 völlig überraschend Vize-Weltmeisterin im Zeitfahren und gewann in diesem Jahr EM-Gold.
Ein weiteres prominentes Beispiel: Kathrin Marchand. Die 35-jährige Kölnerin ist die erste Athletin weltweit, die an drei verschiedenen Ausgaben der Spiele teilgenommen hat. Auf Olympia 2012 und 2016 sowie den Paralympics 2024 als Ruderin im Sommer folgten im März 2026 die Winterspiele im Para Skilanglauf. Was als Flachs im Deutschen Haus in Paris begann, wurde zu einem ambitionierten Projekt. „Rainer Kiefer hat ein paar Wochen nach den Paralympics in Paris angerufen und kam dann von Freiburg nach Köln, damit ich Langlauf auf Roll-Ski ausprobieren kann“, berichtet Marchand rückblickend und fügt an: „Losgelöst von allen Fakten habe ich mir gedacht: Ich habe da Bock drauf, ich will das versuchen. Ende November 2024 war ich zur Klassifizierung in Norwegen. Als die positiv verlaufen ist, habe ich einen Tag später bei meinem Arbeitgeber gekündigt, um das Projekt Winter-Paralympics zu starten.“
Dass sie es tatsächlich zu den Winterspielen schaffen würde und dort sogar nur knapp die Medaillen verpasste, hätte sie selbst nie erwartet, sagt aber: „Ich bringe körperlich sehr viele Voraussetzungen schon mit und die Trainer haben das Potenzial und die Chance gesehen. Vor allem ging es darum, die Technik zu erlernen und die Sicherheit auf Skiern zu bekommen. Dafür habe ich sehr viel investiert, habe in der gesamten Zeit bis zu den Winterspielen drei Wochen pro Monat auf Skiern verbracht und mich gut entwickelt“, erklärt Marchand. Bereut hat sie diese Entscheidung nie. „Einerseits kann man von der einen Sportart viel in die andere übertragen. Andererseits ist es eine andere Art von Training, es werden andere Muskelgruppen aktiviert und die bisherigen Bewegungsmuster werden ein Stück weit aufgebrochen. Bei mir hat es sich absolut positiv ausgewirkt, dass ich die Ruder-Bubble mal verlassen habe und in einer anderen Sportart unterwegs war.“ Bemerkenswert: Wenige Wochen nach den Winterspielen ruderte Kathrin Marchand auf dem Ergometer einen neuen Weltrekord und bewies so ein weiteres Mal, dass das Langlaufen dem Rudern nicht geschadet hat.
Sportartenwechsel sind dabei keineswegs eine Besonderheit des Para Sports. Auch im olympischen Sport gibt es zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Wechsel zwischen Sportarten – etwa vom Biathlon zum Radsport wie Florian Lipowitz, vom Skispringen zum Radsport wie der Slowene Primož Roglič, von der Leichtathletik zum Bobsport oder vom Eisschnelllauf zum Radsport.
„Vielseitigkeit ist das A und O“: Sportartenkarussell sorgt für eine breite sportliche Ausbildung
Das Exzellenzcluster ist nicht nur im Spitzenbereich, sondern auch im Nachwuchsbereich aktiv. Es geht darum dem Nachwuchs eine breite motorische Basis zu ermöglichen. Rainer Kiefer sieht in diesem Ansatz eine große Chance. „Diese Grundlagen sind sehr wertvoll nicht nur für eine mögliche erfolgreiche Karriere. In Deutschland wollen wir oft zu früh zu viel. Dabei zeigen andere Nationen, dass eine spätere Spezialisierung völlig ausreicht und meist sogar der bessere Weg sein kann. Wir müssen geduldiger werden und sollten koordinative und motorische Fähigkeiten zunächst in der Breite erlernen und hierfür auch die Angebote schaffen.“
Das Problem: Insbesondere Menschen mit Behinderung haben meist kaum Möglichkeiten, um wohnortnah und mit hoher Qualität verschiedene Sportarten ausprobieren zu können. Als Lösungsansatz hat Rainer Kiefer das sogenannte Sportartenkarussell ins Leben gerufen. In enger Kooperation mit den örtlichen Vereinen sollen insbesondere Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum wöchentlich verschiedene Sportarten testen – gewissermaßen von den Skiern in das Ruderboot und von der Halle auf den Sportplatz.
„Vielseitigkeit ist das A und O für die Entwicklung und das Sportartenkarussell unterstützt dabei. Die Kinder lernen die vielfältigen Bewegungsformen in unterschiedlichen Sportarten kennen und haben die Möglichkeit, verschiedenste Erfahrungen zu sammeln“, betont Rainer Kiefer. Darüber hinaus hätten Vereine die Chance, ihre Angebote für Menschen mit Behinderungen zu präsentieren und als sportliche Heimat zu bewerben. „Normalerweise müsste jede Stadt und jeder Verein ein Interesse daran haben, dass ihre Angebote sichtbar und von mehr Menschen angenommen werden. Auch dazu trägt das Sportartenkarussell bei“, sagt der Projektleiter des DBS. Und vielleicht sorgt es dafür, dass bei möglichst vielen Kindern und Jugendlichen vielfältige Grundlagen gelegt werden, damit sie künftig eine erfolgreiche paralympische Karriere starten können. So wie Anja Renner, Leonie Walter, Marie Quellhorst, Maya Fügenschuh oder Kathrin Marchand.
Weitere Informationen zum Exzellenzcluster gibt es auf parasport.de.
Text: Kevin Müller / DBS
