Aktuelles aus dem Bereich Sportentwicklung
Bürgerfest des Bundespräsidenten: Inklusionsmobil zu Gast in Berlin
Das Inklusionsmobil des Deutschen Behindertensportverbands (DBS), Rewe und Aktion Mensch war zu Besuch beim Bürgerfest des Bundespräsidenten im Garten von Schloss Bellevue. Mit dabei: Maria Tietze. Die ehemalige Para Leichtathletin und heutige Sitzvolleyball-Nationalspielerin berichtet von ihren Eindrücken aus Berlin.
Es blinkt blau, es blinkt rot, dazwischen sausen zwei Jungs in Sportrollstühlen hin und her und versuchen, die Blinklichter mit Druck der Hand auszuschalten. Dabei messen sie sich in reaktiver Schnelligkeit, denn wer zuerst sechs Punkte macht, gewinnt. Nach 30 Sekunden reckt einer lachend die Arme in die Höhe. Sie klatschen sich ab, wollen noch eine Runde spielen. Das geht ein paar Mal so, bis sie genug haben, aufstehen und gehen. Sie haben sich mit einem Sportgerät ausprobiert, zu dem wenige Zugang haben. Die einen, weil sie gar nicht wissen, was einen Sportrollstuhl von einem Alltagsrollstuhl unterscheidet. Die anderen, weil sie auf einen Rollstuhl angewiesen sind, ihnen aber die Mittel zur Anschaffung fehlen. Wieder andere hätten die Mittel, aber keine Möglichkeiten diesen Sportrollstuhl zu nutzen, weil die Angebote fehlen.
Am Freitagabend treffen sie sich alle im Garten des Schlosses Bellevue als Teil der drei- bis viertausend geladenen ehrenamtlich Tätigen auf dem Bürgerfest des Bundespräsidenten. Sie tauschen für diesen Abend ihre Trainingskleidung gegen Anzug, Kleid und Tracht und lassen sich feiern; eingeladen aufgrund ihres großen persönlichen Engagements. „Sie sind diejenigen, die an mehr denken als nur an sich selbst. Was Sie mit ihrem Einsatz für unsere Gesellschaft, für unser Miteinander, unser Land tun, das lässt sich mit Gold nicht aufwiegen“, sagt Frank-Walter Steinmeier.
Unser Bundespräsident lächelt bei all seinen Lobpreisungen und man nimmt ihm gern ab, dass er meint, was er da sagt. Dieses Fest aber, es schafft noch viel mehr. Es bildet eine Begegnungsstätte für Gleichgesinnte aus der ganzen Bundesrepublik, die sich sonst vielleicht nie über den Weg laufen würden. Es entsteht ein Austausch, der seinesgleichen sucht.
In einem freudigen Fest wie diesem verwaschen sich leicht die Unterschiede, die im Alltag doch noch viel zu oft eine Rolle spielen. Als Sitzvolleyballerin im Nationalkader sehe ich dieses offene Potential immer wieder. Es fehlt gerade im Behindertensport an Übungsleiter*innen und an Möglichkeiten, überhaupt Sport auszuüben. Vor allem im Breitensport, also an der Basis, fällt es Menschen mit Behinderung oft schwer, Angebote zum Sporttreiben zu finden und somit in den gleichberechtigten Genuss aller menschlichen Grundfreiheiten zu kommen.
Unter den Gästen im Schlossgarten tummeln sich viele Menschen mit Behinderung, im Schnitt des Festes sicherlich mehr als im bundesweiten Durchschnitt. Eine Aussage, die an dem Abend keine Rolle spielt und auch sonst keine Rolle spielen sollte - es aber leider noch immer tut. Gerade im Ehrenamt engagieren sich viele Menschen für Inklusion. Denn sie begleiten in Schulen und Universitäten, sie betreuen Sportgruppen für Kinder mit Behinderung oder schaffen Ideen, wie der Sport inklusiver werden kann
Als ein Beispiel dafür war das Inklusionsmobil des Deutschen Behindertensportverbands auf dem Bürgerfest zu finden. Das Inklusionsmobil informiert über Sportmöglichkeiten und Zugangswege rund um den inklusiven Sport, motiviert Menschen mit und ohne Behinderung für den Sport und hilft bei der Entwicklung neuer inklusiver Sportangebote. So leistet es einen Beitrag zum übergeordneten Ziel, dass Menschen mit Behinderung ihr Recht auf Teilhabe, die auch über Sport ausgelebt wird, wahrnehmen können. Und gerade für das Inklusionsmobil ist das, was mit dem Bürgerfest geehrt wird, so wichtig. Denn ohne das Ehrenamt aus Sportvereinen wären wir in Sachen Inklusion so viel weniger weit als heute.
Mit einem kleinen Sportplatz mit u.a. zwei Sportrollstühlen werden die beiden Jungs und andere Gäste des Festes magisch angezogen. Sie können sich im Eins-gegen-Eins messen und im kleinen Wettkampf eindrucksvoll erleben, wie wendig und schnell Behindertensport sein kann. Nebenan wird mit besonderen Brillen, die verschiedene Seheinschränkungen simulieren, versucht, auf eine Torwand zu schießen. Der Respekt und vor allem das Verständnis für den Lebensalltag von Menschen mit Behinderung wird so an die Allgemeinheit gebracht, das sieht man an den weit aufgerissenen Augen jener, die sich am Inklusionsmobil ausprobieren. Und natürlich eröffnet das Inklusionsmobil auch Perspektiven, denn es kommt gern an Schulen oder in Vereine zu Besuch, sodass z.B. Lehrer:innen und/oder Übungsleiter:innen an Workshops teilnehmen und durch neue Ideen noch mehr Augen zum Strahlen bringen können. Es ist ein Schritt in die Richtung, das Sporttreiben für Menschen mit Behinderung weg von der Ausnahme, hin zur Selbstverständlichkeit zu bringen.
Denn nur so lässt sich die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die Deutschland 2009 ratifizierte, auch wirklich umsetzen. Ziel der Konvention ist der volle und gleichberechtigte Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten für alle Menschen mit Behinderungen.
Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender besuchten selbst das Inklusionsmobil, machten sich einen persönlichen Eindruck. Mit ihrem Bürgerfest unterstreichen sie, dass Ehrenamt uns alle weiterbringt: „Denn Mitmachen überwindet Ohnmacht. Es lässt erleben: Wir können etwas bewegen, wir können die Dinge zum Guten verändern – und wir können jede helfende Hand dafür brauchen.“
Je mehr wir alle gemeinsam mitmachen, desto mehr können wir bewegen. Das gilt für Inklusion im Alltag – und ebenso für Inklusion im Sport.
Text: Maria Tietze
