Aktuelles vom Para Bogensport im Deutschen Behindertensportverband
Jule Lammers: Das Streben nach Perfektion
Titel bei deutschen Meisterschaften, die Teilnahme an den European Para Youth Games und Silbermedaillen beim Para Bogensport-Europacup – Jule Lammers hat sportlich bereits viel erreicht. Doch für eine Bilderbuchkarriere in ihrer Sportart fehlen ihr noch die ganz großen Highlights: Weltmeisterschaften und Paralympics. Die WM verpasste die 22-jährige Emsländerin in diesem Jahr knapp. Trotzdem: Der Weg zur Weltspitze scheint nicht in allzu weiter Ferne. Und Jule Lammers gibt alles dafür, dass sie bald genau dort ankommt.
Wenn Jule Lammers ihre Faszination für den Para Bogensport beschreibt, fällt vor allem ein Wort: Perfektion. „Ich mag sowohl die Präzision, die es bei jedem Schuss braucht als auch, dass man das Ergebnis danach direkt sieht“, sagt die Athletin über den Reiz des Schießsports. Ihre Inspiration dafür kam aus einer ungewöhnlichen Quelle: den Herr-der-Ringe-Filmen. Dort trifft der Elb Legolas mit jedem Schuss mühelos. Was in der fiktiven Welt von Mittelerde so einfach aussieht, erfordert in der realen Welt des Para Bogensports jedoch eine Menge harte Arbeit. Diese Erkenntnis sammelt Jule Lammers bereits ziemlich genau ihr halbes Leben. Denn so lange ist die 22-Jährige, die mit einer Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks zur Welt kam, inzwischen in ihrem Sport aktiv.
Ein selbstgemachter Start in den Bogensport
Doch harte Arbeit lohnt sich – und hat Jule Lammers schon zu einigen internationalen Wettkämpfen und Erfolgen geführt. Begonnen hat alles aber ganz klein in den emsländischen Wäldern, wo sie mit ihrem Vater die ersten eigenen Bögen aus Holz baute. Zuvor hatte sie es mit Fußball probiert, war dort jedoch nicht richtig glücklich geworden. Beim Bogenschießen war das anders. Deshalb schauten Lammers und ihre Familie schnell nach Vereinen und landeten beim BSV Dörpen. Schon bei ihrem ersten Wettkampf wurde der ehemalige Paralympics-Sieger und dortige Trainer Hermann Nortmann auf die noch junge Jule Lammers aufmerksam, sprach sofort ihre Eltern an und brachte sie kurz darauf in den Niedersachsen-Kader. Einige Jahre später wechselte Lammers dann zum BSC Werlte und wird seitdem auch von Rainer Schemeit auf Landesebene trainiert. Inzwischen ist Klaus Schwarz als Coach hinzugekommen, der Lammers zudem bei manchen Wettkämpfen begleitet.
Dort schießt sie mit dem Recurve-Bogen, der auch Robin Hood Bogen genannt wird und etwas weniger technisch ist als beispielsweise der Compound-Bogen. „Ich bin mit dem Recurve-Bogen in den Sport reingekommen und finde ihn einfach interessanter als den Compound“, erläutert Jule Lammers ihre Präferenz für den Recurve Bogen. Aufgrund des offenen Rückens (Spina bifida) und damit verbundenen leichten Gleichgewichtsproblemen sowie einer Lähmung abwärts der Knie schießt Jule Lammers von einem Hocker aus. Beim BSC Werlte gewann Jule Lammers bereits mehrere Titel bei deutschen Meisterschaften in ihrer jeweiligen Altersklasse.
Doch die Jahre waren nicht nur von mühelosen Erfolgen geprägt. „Ich hatte im Kopf das Problem, dass ich nicht schießen konnte und den Bogen immer wieder abgesetzt habe“, blickt Jule Lammers auf eine schwierige Phase in ihre Karriere zurück. Von 2019 an tritt/trat die mentale Blockade immer mal wieder auf. Die Lösung: harte Arbeit. „Ich habe sehr viel trainiert und teilweise 500 Schüsse auf eine blanke Scheibe gemacht“, erinnert sich Lammers. Der hohe Aufwand brachte mehr Sicherheit und schließlich den Erfolg zurück. Inzwischen setzt die 22-Jährige den Bogen in Wettkämpfen seltener ab. Helfen könne ihr die Zusammenarbeit mit Sportpsychologen, zumal Lammers sich darüber im Klaren ist, dass der Kopf insbesondere in einem Präzisionssport eine sehr entscheidende Rolle spielt. Vor allem, wenn auf dem gewünschten Weg in die Weltspitze Millimeter über Sieg oder Niederlage entscheiden können.
Erfolge in Tschechien und Italien
Inzwischen hat sich Jule Lammers über deutsche Meisterschaften hinaus bei internationalen Wettkämpfen etabliert. 2024 gewann sie im Team, mit der späteren Paralympics-Teilnehmerin Flora Kliem, die Silber-Medaille beim Para Bogensport-Europacup in Nove Mesto. Ein Jahr später gelang den beiden Trainingspartnerinnen und Freundinnen das Kunststück mit Bronze erneut. In Rom holten sie beim ersten Cup dieses Jahres im Mai zudem Silber im Team. Zuvor waren sie bereits im Einzel aufeinandergetroffen, Lammers hatte das Duell gewonnen und schloss am Ende auf dem sechsten Platz ab. „Das ‚Glück‘ haben wir öfters, dass wir gegeneinander schießen müssen. Meistens sind es sehr ausgeglichene Duelle“, berichtet die Emsländerin.
Neben Rom waren insbesondere die European Para Youth Games in Istanbul ein großes Highlight in diesem Jahr. Mit Unterstützung von der Heinz-Kettler-Stiftung reiste Lammers mit einem großen deutschen Aufgebot zu den Nachwuchsspielen in die türkische Metropole. Obwohl die Para Bogenschützin für sie überraschenderweise aus 18 Metern Entfernung schießen mussten – und nicht wie eigentlich in ihrer Disziplin üblich aus 70 Metern – erreichte sie einen starken vierten Platz. „So ein Multi-Event mit vielen Sportarten gleichzeitig kannte ich bisher noch nicht. Das war sehr cool und hat richtig Spaß gemacht“, berichtet Lammers.
Die zahlreichen Reisen zu Wettkämpfen und Trainingslagern sind durch ein duales Studium möglich. In Hamburg studiert die 22-Jährige Fitnessökonomie, in Meppen arbeitet sie im Fitnessstudio ihrer Eltern. „Mit meinem dualen Studium habe ich wirklich Glück. Dadurch kann ich für Wettkämpfe freigestellt werden“, sagt Lammers. Solche Freistellungen werden auch in Zukunft nötig sein. Schließlich hat sie den klaren Plan, sich weiter auf dem internationalen Parkett zu verbessern. Für die Teilnahme an den diesjährigen Weltmeisterschaften in Südkorea hat es zwar aufgrund der knapp verfehlten Norm noch nicht gereicht, doch das Ziel bleibt unverändert: „Es ist schade, dass es diesmal noch nichts geworden ist. Aber ich werde es weiter probieren und irgendwann klappt es.“
Der Schlüssel zum Erfolg ist ihr schließlich bekannt: harte Arbeit. „Ende Oktober werden wir eine große Umstellung wagen, die wir bisher durch die vielen Wettkämpfe noch nicht einüben konnten“, verrät Lammers. Mit ihrem Trainer möchte die Emsländerin ihre Technik weiter verbessern, vor allem der Schussablauf soll gestärkt werden. Die Ziele sind ambitioniert und fest im Blick: Konstant gute Leistungen bei internationalen Turnieren, die Norm für den höchsten Nachwuchskader erreichen – und langfristig: die Paralympics. Es ist das Streben nach der individuellen Perfektion, die den Bogensport für Jule Lammers ausmacht.
Text: Paul Foreman / DBS
