Aktuelles vom Para Klettern
Luisa Grube vor WM-Premiere: Von der Piste an die Kletterwand
Vor drei Jahren nahm Luisa Grube noch an den Weltmeisterschaften im Para Ski alpin im norwegischen Lillehammer teil, bevor sie Anfang des Jahres 2025 ihr letztes Rennen bestritt. Allerdings verabschiedete sich die 24-jährige Studentin nicht aus dem Para Leistungssport – vielmehr verlagerte sie den Schwerpunkt auf eine andere Sportart, in die sie sich beim ersten Versuch schnell verliebte. Inzwischen ist Grube Teil der deutschen Nationalmannschaft im Para Klettern und will bei ihrer WM-Premiere, die am 20. September in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul startet, hoch hinaus (ein Vorbericht zur Para Klettern-WM gibt es hier).
WM-Teilnahmen sowohl im Winter- als auch im Sommersport – das schaffen nur die wenigsten Sportler*innen. In wenigen Tagen darf sich Luisa Grube offiziell zu diesem illustren Kreis hinzuzählen. Die Entscheidung, vom Para Ski alpin zum Para Klettern zu wechseln, sei zwar keine leichte gewesen – rückblickend aber die richtige. „Ich liebe die Action beim Para Ski alpin, allerdings kann ich im Para Klettersport flexibler sein. Das liegt auch daran, dass die Guides beim Para Klettern nicht so spezielle Erfahrung brauchen wie im Skisport", erklärt die 24-Jährige, die im niedersächsischen Göttingen zur Welt kam.
Als sehbehinderte Athletin ist Grube beim Sport auf sogenannte Guides angewiesen, die ihr über ein kleines Funkgerät Anweisungen geben. Beim Para Ski alpin ist ihr Guide zudem immer vor ihr hergefahren, damit sie die Streckenführung nachvollziehen konnte. Wenn in dieser Situation die Kommunikation zwischen den beiden Sportler*innen gestört wird, kann die Abfahrt auf der Piste bei der hohen Geschwindigkeit des Para Ski-Sports durchaus gefährlich werden. So spielt der Guide eine große Rolle für eine sichere und erfolgreiche Karriere im Para Ski alpin. Für Grube, die im Laufe der Jahre mit insgesamt 17 unterschiedlichen Guides zusammenarbeitete, hat sich das als immer schwieriger herausgestellt: „Ich bin allen Guides, die mit mir auf der Piste waren, unendlich dankbar. Allerdings waren die vielen Wechsel auch immer gleichbedeutend mit einem kleinen Neuanfang – zusammen mit der zunehmenden Verschlechterung meiner Restsehkraft hat das Skifahren irgendwann leider doch sehr viel Kraft und Motivation gekostet.“ So endete die Karriere im Para Ski alpin Anfang des Jahres. Rückblickend eine schöne wie erlebnisreiche Zeit für Luisa Grube, wenn auch mit einigen Hürden – und einem elften Platz im Slalom bei der WM 2022 in Lillehammer.
An der Kletterwand fühlt sich die Athletin vom DAV Neumarkt mindestens ebenso wohl wie früher auf der Piste. Der große Vorteil: Sie kann deutlich selbstständiger agieren, ist weniger abhängig. Zwar muss sich Grube, die noch über zwei Prozent Restsehkraft verfügt, hier ebenfalls auf ihre Guides verlassen können – doch diese bleiben am Boden. Von dort werden die Aktionen beobachtet und es erfolgen Ansagen über Funk, wo sich die nächstbesten Griff- und Trittmöglichkeiten befinden. Für Luisa Grube fungiert u. a. ihr Freund Chris als Guide. Über ihn ist die 24-Jährige überhaupt erst zum Klettersport gekommen.
Durch Zufall zum Klettersport gekommen – und beim Heim-Weltcup aufs Treppchen geklettert
Im Juli 2023 stand sie das erste Mal gemeinsam mit ihrem Freund in der Kletterhalle in Innsbruck und merkte schnell, wie viel Spaß ihr der Sport macht. Sie habe generell den Anspruch an sich selbst, die Sportarten, die sie ausprobiert, so gut wie möglich zu betreiben, sagt Grube. Der Ehrgeiz war geweckt. „Ich hatte recht schnell das Ziel, auch an Wettkämpfen teilzunehmen. Ein Highlight für mich war der Weltcup in meiner neuen Heimat Innsbruck, vor versammelter Familie und Freunden“, berichtet Luisa Grube. Platz drei und damit der Sprung aufs Treppchen rundeten das außergewöhnliche Erlebnis ab.
Ursprünglich war die Studentin der Erziehungs- und Bildungswissenschaften wegen des Skifahrens von Niedersachsen nach Innsbruck gezogen. Doch wie der Zufall es will, sind die Trainingsmöglichkeiten für den Klettersport in der Stadt ebenfalls optimal gegeben. Am liebsten trainiere sie das Bouldern, sagt Grube. „Das Klettern ohne Sicherung an niedrigeren Wänden bringt viel Abwechslung und noch mehr Spaß ins Training, weil wir dann alle gemeinsam die beste Route ausknobeln können“, betont die 24-Jährige, wenngleich in den Wettkämpfen des Para Kletterns ausschließlich am Seil geklettert wird. Generell sei die Trainingsflexibilität ein großer Pluspunkt ihrer neuen Sportart. „Dadurch kann ich das Studium und alles, was dazu gehört, um das Klettern herum planen. Das ist ziemlich praktisch, auch wenn es natürlich trotzdem mit viel Aufwand verbunden und mitunter ziemlich anstrengend ist“, erklärt Grube.
Dennoch steht fest: Para Klettern ist aus ihrem Alltag schon lange nicht mehr wegzudenken – und das nicht nur aufgrund der sportlichen Herausforderung: „Das Tolle am Klettern ist auch, dass es so sozial ist. Man trifft immer neue Leute und kann sich schnell einen größeren Freundeskreis aufbauen. Das kenne ich so vom Skifahren nicht, weil man immer eher in einer festen Gruppe unterwegs war.“
Unterwegs ist die gebürtige Göttingerin tatsächlich gerne und viel, sowohl zu Wettkämpfen oder Trainingslagern als auch in ihrer Freizeit: „Fünf Tage am Stück am Strand liegen und nichts tun, das könnte ich nicht“. Die Nähe zu den Bergen bringe viele Möglichkeiten wie Wandern oder Mountainbikefahren mit sich, die sie als Kind schon im Familienurlaub genossen habe.
Jetzt geht es allerdings auf große sportliche Reise: von den Innsbrucker Alpen zur Para Kletter-WM nach Seoul. Zwei Weltcup-Podien in diesem Jahr und ein sechster Platz bei den Europameisterschaften 2024 geben ihr durchaus Mut und Selbstvertrauen. Konkrete Ziele habe sie sich für ihre WM-Premiere, bei der sie in der Klasse B2 der Athletinnen mit Sehbehinderung startet, allerdings nicht gesetzt, sagt Luisa Grube. Dass die 24-Jährige dabei aber nicht nur an der Kletterwand hoch hinaus will, versteht sich von selbst.
Ebenfalls ein hochgestecktes Ziel ist die anvisierte Teilnahme an den Paralympischen Spielen in Los Angeles 2028, bei denen Para Klettern zum ersten Mal auf der größten Bühne des Sports von Menschen mit Behinderung vertreten sein wird. Bis dahin sind allerdings noch drei Jahre Zeit – zu früh, um das Spekulieren anzufangen, doch Träumen ist schließlich erlaubt. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht darüber nachdenke, wie es wäre, tatsächlich dort teilzunehmen“, sagt Grube. Es ist gewissermaßen der zweite Anlauf für den Traum von den Paralympics – diesmal im Sommer statt im Winter. Und steile Wände hinauf statt die Piste hinunter. So oder so, ihre Devise ist klar: Alles mitnehmen, was geht, und dabei den Spaß am Training nicht verlieren. Den Wechsel vom Para Ski alpin zum Para Klettern hat Luisa Grube erfolgreich gemeistert. Motivation und Wille sind groß genug, um bis in die Weltspitze ihrer Startklasse zu klettern.
Text: Anna Höhne / DBS
