Aktuelles vom Boccia im Deutschen Behindertensportverband
Para Boccia-WM: „Eine Medaille bei einer WM ist ein Riesending“
Für das deutsche Para Boccia-Nationalteam steht mit den Weltmeisterschaften in Seoul der Saison-Höhepunkt bevor. Vom 26. August bis 4. September treffen Boris Nicolai und Anita Raguwaran in Südkoreas Hauptstadt in der Klasse BC4 auf die Weltspitze. Die Ausgangslage ist vielversprechend: Nicolai reist als Weltranglistendritter an, gemeinsam mit Raguwaran belegt er im Pair-Wettbewerb aktuell Rang fünf der Welt. Das Ziel von Cheftrainer Hanno Felder: „Wir streben das Viertelfinale an.“
Für Nicolai hat die WM einen besonderen Stellenwert. Schließlich findet das Turnier ebenso wie die Paralympics nur alle vier Jahre statt und zählt in der Weltranglistenwertung vierfach. „Es gibt viele Punkte zu holen. Vor allem in Hinblick auf die Qualifikation für Los Angeles 2028 ist es ein sehr wichtiges Turnier“, sagt der 41-Jährige. Sportlich wartet die Weltspitze: Die besten 20 Athlet*innen jeder Klasse sind vertreten.
Dass die deutsche Auswahl mit guten Aussichten nach Seoul reist, ist das Ergebnis einer Entwicklung, die nach Paris 2024 Fahrt aufgenommen hat. Seit anderthalb Jahren setzt Cheftrainer Hanno Felder verstärkt auf wissenschaftlich fundierte Trainingsansätze und Leistungsdiagnostik. Mit Erfolg: Bei den letzten Turnieren kehrten die Deutschen jeweils mit einer Medaille zurück, Nicolai und Raguwaran haben sich mittlerweile in die Top Ten der Weltrangliste gespielt. „Wir sind stabiler geworden“, sagt Felder.
Anknüpfen an die historisch beste deutsche Bilanz bei der EM 2025
Ein Meilenstein waren die Europameisterschaften 2025 im kroatischen Zagreb. Nicolai gewann Bronze im Einzel, anschließend holten er und Raguwaran Silber im Pair-Wettbewerb. Das war die erste deutsche EM-Medaille in dieser Disziplin und zugleich die bislang beste deutsche Bilanz bei einer Para Boccia-EM. Auch in diesem Jahr setzte sich die Entwicklung fort. Beim Weltcup im kasachischen Astana gewann Nicolai Anfang Juni Silber im Einzel. Felder sieht diese Medaille als wichtigen Motivationsschub für das gesamte Team. Darauf folgte ein internationaler Lehrgang in Schottland, bei dem sich die deutsche Auswahl gezielt auf die WM vorbereitete.
Para Boccia ist eine Präzisionssportart und für Felder „eine Mischung aus kalkuliertem Glücksspiel und Zufall“. Kleinste Details entscheiden über Sieg und Niederlage, vieles ließe sich trotz Gegner-Analyse und Taktik nicht planen. „Wir können jeden schlagen. Wir können aber auch gegen jeden verlieren“, erklärt Felder. Deshalb will der Cheftrainer vor allem eines vermeiden: zusätzlichen Druck. „Wenn man verkrampft, rollt der Ball nicht dahin, wo er hinsoll“, erklärt er. „Man braucht nicht zu definieren, dass man jedes Spiel gewinnen will.“ Auch Nicolai weiß um die Unberechenbarkeit des Sports. Als Weltranglistendritter gehen die Erwartungen an ihn zwar in Richtung Treppchen, er hält das aber nicht für selbstverständlich: „Eine Medaille bei einer WM ist ein Riesending, weil man sehr viele Spiele und vor allem viele K.o.-Spiele hat.“ Sein persönliches Ziel ist das Viertelfinale.
Boris Nicolai: Spaß daran, die Weltspitze zu ärgern
Die deutsche Mannschaft in Seoul ist klein. Mit Nicolai und Raguwaran haben sich zwei Athleten der BC4-Klasse qualifiziert, dabei sind ihre Trainingsbedingungen nicht mit denen der Profis aus England oder China vergleichbar. Nicolai arbeitet als technischer Zeichner, Raguwaran als Radiologin, zum Training geht es immer erst nach Feierabend. „Wir nennen uns nur semiprofessionell“, sagt Nicolai. „Boccia ist unser sehr intensives Hobby – das ist wichtig zu erwähnen, wenn ein Turnier mal nicht so gut läuft.“ Trotzdem gelingt es dem deutschen Duo immer wieder, die internationale Konkurrenz zu ärgern und auch die Weltspitze zu schlagen. „Das ist das Lustige daran“, sagt Nicolai und lacht.
Im Einzel starten Nicolai und Raguwaran jeweils in einer Dreiergruppe in die Vorrunde. Die beiden besten Athlet*innen ziehen ins Achtelfinale ein. Nicolai trifft auf Louis Saunders aus Großbritannien und Gergo Berkes aus Ungarn. Raguwaran bekommt es mit Alexandra Szabo aus Ungarn und Chrysi Morfi Metzou aus Griechenland zu tun. Im Pair-Wettbewerb wartet auf das deutsche Duo eine besonders anspruchsvolle Vorrunde. Gemeinsam mit Brasilien, Kroatien und dem Weltranglistenersten Großbritannien kämpft Deutschland um den Einzug ins Viertelfinale. „Das wird schwer“, sagt Nicolai. Kroatien müsse man schlagen, gegen Brasilien sieht er ebenfalls Chancen. Zwei Siege würden den direkten Sprung unter die besten acht Nationen bedeuten.
Felder zählt Portugal und England aus Europa sowie China, Korea und Japan zu den Favoriten. Auch Kolumbien spiele auf Weltklasseniveau. „Da wird es immer eng werden“, sagt der Cheftrainer. Für Nicolai steht deshalb vor allem eines im Mittelpunkt: das Maximum herauszuholen. „Wir werden unser Allerbestes geben“, sagt er. Und vielleicht gelingt es dem deutschen Duo, auch in Seoul für eine Überraschung zu sorgen – wie schon 2025 bei der EM.
Weitere Informationen, den Spielplan und Ergebnisse gibt es auf der Veranstaltungs-Webseite.
Wissenswertes zu Para Boccia sind auf der Plattform parasport.de zu finden.
Text: Monja Nagel / DBS
Der Kader der deutschen Nationalmannschaft für die WM in Seoul:
Anita Raguwaran (36 / Kilinochchi (Sri Lanka) / BRS Gersweiler-Ottenhausen e.V.), Boris Nicolai (41 / Sankt Ingbert / BRS Gersweiler-Ottenhausen e.V.)
Spielplan der deutschen Nationalmannschaft (deutsche Zeit):
27.08.2026: 02:30 Boris Nicolai (GER) vs. Gergo Berkes (HUN) (Herren-Einzel)
28.08.2026: 05:50 Boris Nicolai (GER) vs. Louis Saunders (GBR) (Herren-Einzel)
28.08.2026: 05:50 Anita Raguwaran (GER) vs. Chrysi Morfi Metzou (GRE) (Frauen-Einzel)
29.08.2026: 02:30 Alexandra Szabo (HUN) vs. Anita Raguwaran (GER) (Frauen-Einzel)
01.09.2026: 02:30 Kroatien vs. Deutschland (Doppel)
01.09.2026: 07:00 Deutschland vs. Brasilien (Doppel)
02.09.2026: 04:00 Großbritannien vs. Deutschland (Doppel)
