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ZDF-Paralympics-Kapitän geht von Bord

Der langjährige ZDF-Paralympics-Teamchef Peter Kaadtmann mit DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher © Ralf Kuckuck, DBS-Akademie Bild vergrößern
Der langjährige ZDF-Paralympics-Teamchef Peter Kaadtmann mit DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher © Ralf Kuckuck, DBS-Akademie

Sportjournalisten, die mit dem Mikrofon in der Hand vor der Kamera stehen, kennen wir meist sehr gut und verbinden ihre Namen oft direkt mit Sportereignissen. Peter Kaadtmann? Ihn kennen wahrscheinlich nur wenige, und doch ist er es, der seit dem Jahre 2000 entscheidenden Anteil daran hatte, dass die Paralympics und der Leistungssport von Menschen mit Behinderung einen festen Platz in der Sportberichterstattung des ZDF fanden.

Nun ist er im Ruhestand angekommen. Wenn man mit ihm spricht, wird spürbar, dass ihm dieser Schritt nicht leicht fällt und ihn die Thematik Paralympics und das gesamte Spektrum des Behindertensports weiterhin fesseln werden. Aber so war es nicht immer, wie er freimütig einräumt. Vor 2000 war beim ZDF der Sport von Menschen mit Behinderung vornehmlich in der Redaktion Gesundheit angesiedelt und Berichte über Sportveranstaltungen sah man ab und zu in der samstäglichen Sendung „Aktion Sorgenkind“. Einige erste Berichte und Dokumentationen von den Paralympics hielten dann auch teilweise in der "Sportreportage" oder dem "aktuellen Sport Studio" Einzug.

Im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gab es erstmals das Angebot des Australischen Fernsehens u.a. an die Mitglieder der EBU (Europäische Rundfunk Union), die in Sydney noch vorhandene Übertragungstechnik zu nutzen und Bilder von verschiedenen Sportstätten bei den Paralympics zur Verfügung zu stellen. Die Sportredaktion des ZDF entschloss sich, gemeinsam mit der ARD an diesem Experiment, von dem man nicht wusste, ob es überhaupt trag- und zukunftsfähig sein würde, zu beteiligen. Damit war auch faktisch der Wechsel von der „Gesundheit“ zum „Sport“ im ZDF vollzogen.

Nach anfänglichem Zögern erklärte sich Peter Kaadtmann bereit, die Übertragungen der Paralympics aus Sydney für seinen Sender zu leiten. Was ihm dabei Kopfzerbrechen bereitete, war, weshalb Menschen, die eine Behinderung haben, auch noch Leistungssport betreiben müssen und sich dabei der Gefahr aussetzen, durch Verletzungen noch weitere Beeinträchtigungen zu erfahren. Weshalb sollte also Leistungssport für diese Menschen förderlich sein?

Diese, wie er heute selbst sagt, sehr oberflächliche und wenig durchdachte Meinung, revidierte er völlig nach einem Gespräch mit dem damaligen Hochspringer und Paralympics-Teilnehmer Gunther Belitz. Dieser stellte ihm die Gegenfrage, ob ein Fußballprofi sich verletzten dürfe und weshalb dies bei einem behinderten Sportler nicht angebracht sei? Er fand damals darauf keine schlüssige Antwort und fing an, sich intensiv mit dem gesamten Komplex des paralympischen Leistungssports zu beschäftigen.

„Was ich dann von vornherein forciert habe – und viele meiner Kollegen von Beginn an übernommen haben – ist, dass wir diesen Sport als Leistungssport sehen und beurteilen müssen. So mache ich keinen Unterschied zwischen einem behinderten oder nichtbehinderten Sportler.“ Damit übernahm er zugleich die Einstellung der Athleten, die sich bei den Paralympics mit den Spitzensportlern aus anderen Ländern auseinandersetzen und an ihren erbrachten Leistungen gemessen werden möchten. Art und Umfang der Behinderung spielten lediglich in der Klassifizierung und weniger im Bewusstsein eine Rolle. „Deshalb ist es legitim und unabdingbar, dass schlechte Leistungen von Athleten auch als solche benannt und eingeordnet werden. Umgekehrt sind bei Übertragungen herausragende Ergebnisse und Siege herauszustellen und entsprechend mitreißend zu kommentieren“, so Peter Kaadtmann.

Paralympics mit eigenem und unverkennbarem Stellenwert
Peter Kaadtmann Bild vergrößern
Peter Kaadtmann

In den folgenden Jahren erarbeitete sich Kaadtmann mit seinem Engagement und der erworbenen Erfahrung immer mehr thematischen Einfluss in der Sportredaktion des ZDF. Er konnte dadurch die stetige Ausweitung der Übertragungszeiten vorantreiben, sowie an nationalen und internationalen Übertragungskonzepten der Paralympics mitarbeiten.

Probleme bereiteten ihm die Übertragungen von Spielen mit großer Zeitdifferenz zu Deutschland. Dann mussten gemeinsam mit verschiedenen Stellen im ZDF (und immer mit einem Seitenblick auf die konkurrierende ARD) Sendezeiten gefunden werden, die von möglichst vielen Menschen wahrgenommen werden konnten. Generell wurde das Anliegen in seinem eigenen Haus sehr ernst genommen, zumal die Reaktionen der Zuschauer, wie Analysen der Medienforschung zeigen, äußerst positiv ausfallen.

Auch Kolleginnen und Kollegen in der Sportredaktion, in Produktion und Technik bekundeten immer häufiger ihr großes Interesse, bei den Paralympics dabei sein zu wollen. Peter Kaadtmann kann nun auf die Entwicklung der Paralympics von Sydney bis Sotschi zurückblicken und enorme Leistungssteigerungen feststellen, die allerdings nicht nur an den absoluten Rekorden ablesbar seien. Alle Teilnehmer, zumindest die der Länder mit einem ausgewiesenen nationalen Förderungssystem, seien für ihn heute absolut durchtrainiert, oft geradezu professionell, was sich dann auch in ihren, für ihre Möglichkeiten perfekten Bewegungsabläufen widerspiegele. Training und Sportwissenschaften hätten sich enorm weiterentwickelt und wichtige Impulse vermittelt.

Nicht unerheblich dabei und Ausdruck einer übergeordneten Betrachtungsweise ist für ihn, dass mittlerweile fast alle Nationen mit der gleichen Sportbekleidung bei olympischen und paralympischen Spielen ausgestattet sind. Damit seien sie gleichwertige Repräsentanten ihres Landes. Für den Sportjournalisten Kaadtmann war es auch spannend mitzuerleben, wie sich der Stellenwert der Paralympics in der Gesellschaft entwickelte. Viele Kommentare von Zuschauern erreichten ihn, in denen Paralympics-Teilnehmer oft als „die wahren Sportler“ bezeichnet wurden.

Nicht nur aufgrund der gezeigten Leistungen und der Dopingproblematik bei den Olympischen Spielen. Ursache sei auch - und leider - noch immer einiges Mitleid, also eine eher von Empathie und weniger von sportlichem Mitfiebern getragene Haltung. Hier müsse ein Umdenken stattfinden und gerade deshalb stehe für ihn vornehmlich die Leistung im Fokus der Übertragung. Dies aber dennoch mit einem erhöhten Erklärbedarf durch Reporter oder extra angefertigter Berichte. Ein absoluter Fauxpas wäre für Kaadtmann ein Kommentar mit Sätzen wie: „Trotz seines schlimmen Schicksals konnte sich dieser Athlet über den Sport ins Leben zurückkämpfen“.

Die oft zu hörende Forderung, die Olympischen Spiele und die Paralympics zusammenzulegen, hält er für nicht realisierbar. Beide Veranstaltungen haben eine Größe entwickelt, die eine gemeinsame Ausrichtung unmöglich mache. Bei den TV-Übertragungen bestünde die erkennbare Gefahr, dass durch das übergeordnete Interesse weltweit an olympischen Sportarten, die  Paralympics medial völlig untergehen würden. „Mit der jetzigen Trennung haben sich die Paralympics einen eigenen und unverkennbaren Stellenwert erarbeitet, der so vom Fernsehzuschauer viel gezielter wahrgenommen wird“.

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