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„Ich kann doch nicht still sitzen“

Phänomen Andrea Eskau: Die sechsfache Medaillengewinnerin der Winterspiele in PyeongChang kämpft mit dem Handbike beim Weltcup-Auftakt in Belgien um die WM-Qualifikation

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Andrea Eskau © Ralf Kuckuck / DBS

Durchschnaufen nach dem großen Höhepunkt und im besten Falle die Erfolge nach kräftezehrender Zeit in Ruhe genießen – das mag beim Großteil der Leistungssportler die Regel sein. Nicht so bei Andrea Eskau. Die erfolgreichste deutsche Athletin der Winterspiele in PyeongChang ist einfach ein Phänomen. Keine sieben Wochen nach der Abschlussfeier der Paralympics will es die 47-Jährige vom USC Magdeburg wieder wissen – auf Asphalt und mit dem Handbike. Schließlich geht es beim Weltcup-Auftakt im Para Radsport ab dem 3. Mai im belgischen Ostende um die Qualifikation für die Weltmeisterschaften.

Schon einen Tag nach der Rückkehr aus Südkorea war Andrea Eskau wieder „auf der Rolle“ im heimischen Elsdorf im Rheinland aktiv. „Ich kann doch gar nicht still herumsitzen“, sagt Eskau mit ihrem verschmitzten Grinsen. Nur eine Erkältung zwang sie ein paar Tage zur Zurückhaltung. Doch die querschnittgelähmte 47-Jährige ist Vollblut-Sportlerin – und eine absolute Ausnahmeathletin. Das hat sie bei den Winterspielen in PyeongChang eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Zweimal Gold, dreimal Silber und zum Abschluss Bronze mit der Staffel – sechs Medaillen bei sieben Starts. Eine herausragende Bilanz. Andrea Eskau hat in Südkorea Außergewöhnliches erreicht.

„Es war eine ganz besondere Zeit, es hat so viel geklappt – das wird wohl so nie wieder passieren. Ich bin froh und glücklich und hätte niemals mit solchen Ergebnissen gerechnet“, sagt Eskau rückblickend. Sie wisse, dass auch Glück dazu gehöre, wenn es zum richtigen Zeitpunkt so optimal läuft. „Diese Chance gibt es ja nur alle vier Jahre. Ich freue mich sehr, dass es so hingehauen hat, wobei ich auch sehr viel investiert habe“, betont die „Tigerin“.

An Bekanntheit mächtig hinzugewonnen: „Überall haben mich die Leute erkannt“

Für die Athletin des USC Magdeburg waren es bei der sechsten Teilnahme nicht nur die mit Abstand erfolgreichsten Paralympics, auch die Erlebnisse im Nachhinein waren speziell. Zwei Wochen nach ihrem Triumph ging es mit dem Flieger nach Mallorca – freilich nicht in den Urlaub, sondern ins Trainingslager. „Die komplette Crew samt Kapitän hat mich verabschiedet und immer wieder haben mich die Leute erkannt – im Flieger, im Hotel, auf der Straße. Das ist mir vorher noch nie passiert und schon ungewöhnlich. Die Berichterstattung hat Wirkung gezeigt“, berichtet Eskau. Doch sie erntete beim Abspulen ihres täglichen Pensums von rund 100 Kilometern auch viele verwunderte Blicke. „Die Leute haben sich gefragt, was denn die Wintersportlerin auf Mallorca macht“, erzählt die 47-Jährige lachend.

Die Antwort: trainieren. Denn vom 3. bis 6. Mai findet in Ostende (Belgien) der Weltcup-Auftakt im Para Radsport statt. Natürlich ist dann auch Andrea Eskau wieder dabei, schließlich geht es um die Qualifikation für die Weltmeisterschaften Anfang August in Italien. Und da will sie ihre Titel verteidigen – genau wie die Vorjahres-Weltmeister Hans-Peter Durst, Christiane Reppe, Kerstin Brachtendorf, Pierre Senska, Michael Teuber und Tobias Vetter, auch die frischgebackene Weltmeisterin auf der Bahn, Denise Schindler, ist am Start.

„Ich schaue schnell wieder nach vorne, Richtung WM, aber auch schon Richtung Tokio 2020. Gedanklich habe ich schon längst begonnen, an meinem neuen Bike für Japan zu tüfteln, dass ich gemeinsam mit Toyota entwickeln werde“, sagt Eskau. Schon ihren Erfolgs-Schlitten für Südkorea erarbeitete sie mit Toyota Motorsport. Es geht ums Material, die Aerodynamik, die richtige Sitzposition. „Da steckt viel Zeit und Mühe drin, doch der Aufwand muss sich ja auch lohnen. Ich bin dankbar für diese Kooperation“, sagt die Vorzeige-Athletin, die beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft tätig ist.

Powerfrau: „Mir macht es erst Spaß, wenn es weh tut“
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Andrea Eskau © Oliver Kremer, sports.pixolli.com

Damit ist auch klar: Andrea Eskau will bei den Paralympics in Tokio 2020 definitiv an den Start gehen. Ebenso hat die Powerfrau auch die Para Ski nordisch-Weltmeisterschaften 2019 fest im Visier. „Die Bedingungen dort und die Strecken liegen mir, warum sollte ich dann nicht dort antreten?“ Klare Pläne, klare Ziele. Ein Phänomen eben. So wie in PyeongChang, als sie bereits sechs harte Rennen in den Knochen hatte und in der Mixed-Staffel gleich zwei Runden powerte. „Mir macht es erst Spaß, wenn es weh tut. Ich kann mich auch für andere quälen“, sagt sie. Und es ging auf. Gemeinsam mit Steffen Lehmker und Alexander Ehler jubelte sie über Bronze zum Abschluss. „Die Buben wollten die Medaille unbedingt, ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben.“ Die Buben – das sind der 29-jährige Lehmker und der 48-jährige Ehler, die zuvor noch ohne Edelmetall geblieben waren.

Es unterstreicht: Andrea Eskau hat sich zu einer richtigen Teamplayerin entwickelt. „Früher hatte ich Scheuklappen auf, habe wenig nach links und rechts geschaut“, sagt sie über sich selbst. „Ich habe mich abgeschottet, nur auf die eigenen Rennen fokussiert und kaum etwas von den anderen mitbekommen.“ So sei sie bei den Spielen in London 2012 ausschließlich für ihre Rennen angereist. „Jetzt gehe ich alles viel lockerer an und bin nicht mehr ganz so bekloppt wie früher“, sagt sie mit einem Schmunzeln. „Ich habe die Winterspiele sehr genossen, nicht nur wegen der Erfolge, sondern auch durch die Nähe zur Mannschaft. Und ich freue mich auch schon auf das Team bei den Radsportlern.“ Die gute Nachricht: Bis mindestens 2020 wird Andrea Eskau der Deutschen Paralympischen Mannschaft erhalten bleiben. Authentisch, sympathisch, ehrgeizig – und erfolgreich.

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